Was haben Sie heute schon unternommen, um sich selbst zu optimieren? Wenn Sie das am Frühstücktisch lesen, kann ich nur hoffen, dass Sie einen magenschonenden Tee trinken, dazu etwas rohen Sellerie. Alles andere ist schädlich. Der Sellerie und der Tee wahrscheinlich auch, demnächst kommt eine neue Studie heraus.

So wird das natürlich nie etwas mit Ihrem Projekt, das perfekte Leben zu führen. Wahrscheinlich haben Sie nicht einmal 110 Prozent Spass an Ihrer Arbeit. Ihr Spiegelbild geht Ihnen immer öfter auf die Nerven. Die anderen sehen viel besser aus auf Instagram. Vor allem scheinen alle dort instamässig ein paar Kilogramm abgenommen zu haben. Sicher diese 16/8 Methode, auf die gerade alle schwören. Die funktioniert garantiert. Ausser bei Ihnen.

Auch die Farben der andern sind viel farbiger als wenn Sie zum Fenster hinausschauen. Ich würde mir vor Neid die Haare ausraufen, aber die werden schon von alleine immer weniger. Und gestern Abend haben Sie was gemacht? Hoffentlich war er bis zum Rand gefüllt mit Produktivität. Für Unwesentliches haben Sie jetzt wirklich keine Zeit mehr. Sie gehen noch einer normalen Arbeit nach? Eventuell sogar einer, bei der sie mit Menschen in Kontakt kommen? So was von Old School.

Ganz abgesehen vom steten Risiko, irgendeinen grippalen Infekt zu erwischen: So geraten Sie nie in Gefahr, in Basel Reichensteuer zu zahlen. Gut, wer will schon steuergünstig in Breitenbach wohnen? Immerhin erfahren wir auf der offiziellen Website des Ortes unter Neuigkeiten, dass es ein Plakat gibt mit dem einprägsamen Spruch: «An dr Leine isch är e feine.» Während wir noch studieren, in welchem Dialekt sich das reimt, werden andere Millionäre als Influencer und You-Tuber mit Beiträgen über das Allmendhaus bei der Kirschenplantage.

Das ist aber bei weitem nicht die einzige Attraktion im Ort, es hat auch reichlich Kultur in Form eines Gemäldes von Ferdinand Gehr. Wer will da noch ins Kunstmuseum oder ins Theater? Das Hallenbad ist offenbar «sicher bis Ende April geöffnet». Gut, das wird für dieses Jahr etwas knapp. Aber wenn Sie den Umzug in Auftrag gegeben haben, können Sie schon mal zur Arbeit joggen.

Anhand der Baustellen sehen Sie, dass auch unsere Stadt und die Agglo bis zur Perfektion optimiert werden. Also hören Sie gleich wieder auf zu jammern. Bringt eh nichts. Ist aber irgendwie Mode. Ich höre täglich mindestens einen, der aus seinem beschaulichen Dorf im Leimen-/Laufen- oder Sonstwo-Tal anreist und sich aufregt über den Verkehr/den öV/das Wetter/alle anderen und überhaupt.

Denken Sie dran: Ärger verkürzt das Leben. Das freut nur Ihre Pensionskasse, wenn Sie die Rente nicht bis mindestens zum 100. Geburtstag beziehen. Die klimastreikenden Jugendlichen sollen Ihnen dann nur schön die AHV bezahlen, auch wenn die eh nichts Gescheites werden mit diesen miesen Resultaten in Mathe und Franzi. Vielleicht löst sich das Problem von alleine und die Welt geht unter.

Suboptimal, aber nicht Ihre Schuld. Sie haben alles gegeben. Bleiben Sie dran!

   

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.