Der Geistschreiber

Selig war sie schon lange

Uriella mit ihrem spirituellen Ehemann. (Archiv)

Uriella mit ihrem spirituellen Ehemann. (Archiv)

Nun soll sie also das Zeitliche gesegnet haben. Selig war sie ja schon lange. Und gesegnet hat sie auch gern. Den Erdenball, ihre Getreuen und das heil- und gewinnbringende Wasser in ihrer Badewanne. Lange Jahre wohnte sie in meinem Heimatdorf Schwellbrunn. Wo Brunnen anschwellen, sprudeln auch Erlöse. Nestlé hat das erst später begriffen.

Ich bin ihr nie begegnet. Sie war nicht im Landfrauenverein und das Obligatorische schoss sie nicht mal freiwillig. Mit dem Traktor in die Milchhütte musste sie auch nie, statt Kühe molk sie ja Gutgläubige. Als Bursche träumte ich davon, eines Tages selber eine kleine Sekte zu eröffnen. Schwurbeln konnte ich gut, und für einen Guru ist das ja die Schlüsselqualifikation. Aber Uriella war als Sprachröhre so göttlich, ihr hätte ich nie das Badewasser reichen können. So habe ich dann statt Guru Koch gelernt.

Wann sie das Appenzellerland verliess, weiss ich nicht mehr. Vielleicht als das Bezirksgericht sie verknurrte, einer ehemaligen Anhängerin 625'000 Franken zurückzuzahlen. Umgerechnet in Badewasser ist das viel. Schade, dass sie nicht in Schwellbrunn blieb. Die Aussicht vom Friedhof ist schön. Als Grabmal ein weisser Marmorbrunnen in Form einer Badewanne, das wäre ein Mehrwert gewesen. Die Pilger hätten beim Uriella-Brünneli Heilwasser abfüllen können, in der Zwischensaison zum halben Preis, und dann direkt an die Metzgete in den Ochsen, Sturzeneggers Blut- und Siedwürste sind super.

Uriella hinterlässt, was auch Donald Trump und andere schwurbelbegabte Eigenweltler hinterlassen. Ein soziales Trümmerfeld, legendäre Erfahrungen im Fremdschämen und die Bestätigung, dass der Spott der Feinde der Kitt für die Freunde ist. Nur wer draussen Haue einsteckt, wird drinnen heilig gesprochen. Wer bei maximaler Peinlichkeit maximale Unbeirrbarkeit beweist, formt sich eine Gefolgschaft von Verunsicherten, wird zu ihrem Massstab und beantwortet künftig ihre Lebensfragen selbstreferenziell. Uriellas Zuckerbrot war die göttliche Gnade, ihre Peitsche war der Weltuntergang, und der regelmässige Aufschub des letzteren bezeugte die Grösse der Ersteren.

Uriella lebt natürlich noch. Auf dem Planeten Amora. Ich sehe vor mir, wie sie dem Ufo entsteigt und von der Gangway schwebt. Auf dem Landeplatz steht Karl Lagerfeld und strahlt weniger als sie. Schwarze Haare und weisse Kleider scheinen ihm verkehrt. Er kleidet sie neu ein und schneidert ihr mangels Stoff das Modell «Des Kaisers neue Kleider». Es sitzt so perfekt wie zu Lebzeiten. Uriella schenkt Karl Lagerfeld ihr zuckerwattesüssestes Lächeln. Und er ist dankbar für seine Sonnenbrille. Es ist die schwärzeste, mit dem höchsten Strahlenschutz.

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