Flüchtlingskrise

Setz die Segel anders, Rhodos

Flüchtlinge gehen auf der griechischen Insel Kos an Land. Sie sind damit - von der Türkei her kommend - in der EU.

Flüchtlinge gehen auf der griechischen Insel Kos an Land. Sie sind damit - von der Türkei her kommend - in der EU.

Die Analyse zum Umgang der Ferieninseln Kos und Rhodos mit der Flüchtlingskrise.

Die Feriendestination Griechenland hat jahrzehntelang Glück gehabt: Tausende Sonnenstunden jedes Jahr, paradiesische Strände und eine Geschichte, die wie kaum eine andere unser Denken bis heute prägt. Das alles sprach für Griechenland, das alles lockte zuverlässig Millionen von Besuchern auf den Peloponnes und die ägäischen Inseln – und das alles war den Griechen vom überaus grosszügigen Schicksal geschenkt. Viel machen mussten die Griechen wahrlich nicht für ihr Glück. Der Reiz ihrer Landschaften und ihrer Kultur liegt genau darin, dass kaum etwas durchstrukturiert ist und alles äusserst relaxed wirkt. Die Griechen sind Meister der Improvisation und des entspannten Lebens. Schon ihr philosophischer Übervater Aristoteles wusste: «In der Musse scheint das Glück zu liegen. Es gehört denen, die sich selber genügen.»

In letzter Zeit aber geriet dieses müssig-glückliche Land ins Schwanken. Die wiederkehrende Angst vor dem Staatsbankrott handelte den Griechen den Ruf ein, korrupt und faul zu sein. Dank den pointierten Auftritten ihres Ministerpräsidenten und des inzwischen zurückgetretenen Finanzministers galten sie zudem auch noch als frech. Und jetzt, wo jeden Tag Tausende Flüchtlinge an die traumhaften Gestade ägäischer Inselparadiese gespült werden und Tausende traurige Schicksale das Leben auf der Sonnenseite zu überschatten drohen, laufen die Griechen auch noch Gefahr, als Unmenschen vor dem Weltengericht dazustehen. Die Bilder weinender Flüchtlingskinder auf den Strassen von Lesbos und überfüllter Auffanglager in den Städten von Chios sind stark. Und trotz dem grossen Engagement der Zivilbevölkerung kommt immer wieder der Vorwurf auf, Griechenland tue zu wenig.

Die Strände werden zum Problem

Das Paradoxe an der Situation: Die paradiesischen Strände, die jahrzehntelang Garant für ein florierendes Tourismusgeschäft waren (zuletzt machte der Tourismus knapp 20 Prozent des gesamten Wirtschaftsvolumens aus – ein europäischer Spitzenwert), diese Strände werden in den Augen der lokalen Tourismusbehörden nun zum Problem. Denn sie sind der ideale Anlegepunkt für die überfüllten Flüchtlingsboote, die von der nahen türkischen Küste aus in Richtung der griechischen Inseln steuern. Die Traumstrände werden zum Einfallstor ins europäische Paradies, von dem die Flüchtlinge träumen. Und sie werden zum Horrorszenario der griechischen Tourismusbehörden, die unter dem Druck internationaler Reiseanbieter dafür sorgen müssen, dass die Flüchtlinge möglichst schnell aus dem Blickfeld der Touristen verschwinden.

Kos hat gelernt – Rhodos nicht

Die beiden Beispiele Kos und Rhodos zeigen exemplarisch, wie man als Lokalregierung mit dieser schwierigen Situation umgehen beziehungsweise eben nicht umgehen sollte. Auf beiden Inseln hat sich die Lage gegenüber dem Vorjahr, als vor allem auf Kos eine humanitäre Katastrophe drohte, erholt. Die wenigen Flüchtlinge, die heute noch nach Kos kommen, werden von lokalen NGOs und der UNO betreut und in Hotels in der Hauptstadt untergebracht. So weit, so gut. Rhodos hingegen hinkt dem Vorbild Kos meilenweit hinterher. Statt transparent über die Situation der Flüchtlinge auf der Insel zu informieren, lügt die Lokalregierung Journalisten an. An einer Pressekonferenz behauptete der Bürgermeister von Rhodos gegenüber dem Fachmagazin travelnews.ch, es gebe derzeit keine Flüchtlinge auf der Insel, während ein paar hundert Meter entfernt 91 Flüchtlinge zusammengepfercht in einer alten Schiffswerft ausharrten. Der Zutritt zur heruntergekommenen Flüchtlingsunterkunft wurde den Journalisten verwehrt. In welchem Zustand die Flüchtlinge sind, ob sie medizinisch betreut werden, ob sie überhaupt von irgendjemandem versorgt werden: Diese Fragen blieben unbeantwortet.

Flüchtlinge verschwinden nicht, nur weil man ihre Existenz verneint. Rhodos hat diese Lektion noch nicht gelernt und riskiert damit, sich einen nachhaltig schlechten Ruf einzuhandeln. Um noch einmal den weisen Aristoteles zu zitieren: «Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.» Kos hat nach anfänglichem Vertusch-Spiel und Passivität gezeigt, wie das geht. Rhodos aber rast noch immer auf unmenschliche Abgründe zu. Solange die Insel Flüchtlinge in alten Schiffswerften vor sich hinvegetieren lässt und ihre Präsenz zu vertuschen versucht, ist das Ferienparadies Rhodos in Gefahr.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1