Mein Leben im Dreiland

«Sie haben doch Zeit als Rentner»

Peter Schenk
Die Fussgängerzone in Mulhouse.

Die Fussgängerzone in Mulhouse.

Peter Schenk über die französische Reformresistenz.

Ich bin aus allen Wolken gefallen und vor allem fand ich die Bemerkung unverschämt. Eine deutsche Freundin von mir, die seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, wollte einen Ausflug nach Frankreich machen. Ich habe ihr Mulhouse und seinen exotischen, farbenprächtigen Samstags-Markt als Ziel vorgeschlagen – ich habe dort über zehn Jahre gelebt und kenne mich gut aus. Wir waren mit dem Auto unterwegs. Weil man beim Markt ellenlang einen Parkplatz sucht, habe ich bei meiner ehemaligen Wohnung parkiert.

Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuss zum Markt und vor allem kommt man am Place Franklin an der Edel-Patisserie Carlos vorbei. Die Croissants dort sind super fein, das wusste ich noch. Das waren sie auch diesmal, nur dass wir gefühlte 20 Minuten nach der Bestellung warten mussten, bis sie mit den beiden Milchcafés endlich auf dem Tisch standen. Es war zu viel los im Laden und die beiden Damen haben konsequent zuerst die einkaufende Kundschaft bedient statt uns.

Beim Zahlen an der Kasse war die Chefin da, die wohl etwas später gekommen war. Auf ihre Frage, ob alles gut war, habe ich mich über das Warten beschwert. Ihre Antwort: «Sie haben doch Zeit. Sie sind schliesslich pensioniert.» Ok – ich sehe zwar nicht mehr wie 30 aus und auch nicht wie 40, aber bis zur Pensionierung dauert es noch einige Jahre.

Gleichzeitig lässt die Bemerkung tief blicken, denn in Frankreich gibt es tatsächlich Berufe wie Polizist oder Gendarme, wo man mit 52 oder als Primarschullehrer mit 55 pensioniert wird – hat man Kinder gross gezogen, kann es sogar früher werden. Das durchschnittliche Alter bei der Pensionierung liegt in Frankreich bei 59,1 Jahren. Dazu jahrelange Stipendien, selbst wenn man sich an der Uni so gut wie nie blicken lässt, Anspruch auf Wohngeld, kostenlose Gesundheitsbehandlung und Rechtsbeistand, wenn man kein Geld hat, die 35-Stunden-Woche und so fort. Das ist ja alles toll und sozial, aber wie soll eine Gesellschaft, die wirtschaftlich immer mehr den Bach runtergeht, das alles bezahlen, frage ich mich.

Dabei hat sich Frankreich, ob bürgerlich oder links regiert, resistent gegen jegliche tiefer greifende Reform gezeigt. Das beklagen auch meine französischen Freunde und Bekannten im Elsass. Von den Vorstädten gar nicht zu reden. In Mulhouse und Strassburg gibt es Viertel, in die sich nicht einmal mehr die Polizei hineintraut. Fast jeder zweite unter 25 Jahren ist arbeitslos. Hier sind die wahren Brutstätten für Gewalt und Terrorismus. Da muten die Taschenkontrollen, denen man sich am Eingang von grösseren Geschäften oder bei Anlässen unterziehen muss, geradezu hilflos an. Ich liebe das Land und mache mir Sorgen um Frankreich. Meine Begleitung fand angesichts der spürbaren Gegensätze: «In der Schweiz leben wir auf einer Insel der Glückseligkeit.» Dabei sind wir in den Vorstädten gar nicht gewesen. Seit Ende der Achtzigerjahre ist Mulhouse eine Hochburg des rechtsextremen Front National. Wie überall in Frankreich legt er auch hier weiter zu. Ein Elsässer Politiker hat beim letzten Wahlkampf unzählige Klinken geputzt. Er war entsetzt: Erstmals kündigten viele Vertreter des gebildeten Mittelstands an, Marine Le Pen zu wählen. Damit dieses System kaputt gehe, um auf den Ruinen etwas Neues zu bauen. Ich glaube nicht, dass diese Rechnung aufgeht.

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Peter Schenk

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