Unsere kleine Stadt

Sind die Baselbieter dumm?

Marc Keller: «Ich muss zugeben, dass wir schlicht nicht mit einem Nein zum Margarethenstich gerechnet haben.»

Unsere kleine Stadt schüttelt kollektiv den Kopf. Zum Autor: Daniel Wiener ist in Liestal aufgewachsen und lebt in Basel. Er ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Wohin ich diese Woche in Basel kam, sorgte die erstaunlich deutliche Ablehnung der Tramverbindung Margarethenstich durch beinahe alle Baselbieter Gemeinden für Kopfschütteln. Dank den Beiträgen des Bundes, der Stadt und der BLT wären die Leimentaler fast gratis zu einer wunderbaren öV-Anbindung an die wichtigste Verkehrsdrehscheibe der Region gekommen. Griffbereit auf dem Tablett lag eine bequemere Erreichbarkeit zahlreicher regionaler, nationaler und internationaler Destinationen sowie des Flughafens.

Baff erstaunt gab sich beispielsweise Marc Keller vom Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt: «Ich muss zugeben, dass wir schlicht nicht mit einem Nein zum Margarethenstich gerechnet haben.» Verblüfft waren auch Immobilienfachleute. Sie hatten direkte, positive Auswirkungen auf die Boden- und Häuserpreise in Binningen, Therwil und Oberwil prognostiziert.

Wer sagt schon Nein zu einem solchen Geschenk? Sind die Baselbieter dumm? Enteigneten sie sich selbst aufgrund von fadenscheinigen Argumenten? Etwa wegen befürchteten kurzen Staus beim Abbiegen des Trams auf der Baslerstrasse in Binningen. Oder sogar wegen Fake-News über den drohenden Abriss des Margarethenkirchleins? Für manche städtischen Beobachterinnen des Politbetriebs im Nachbarkanton war das Abstimmungsergebnis schlicht eine Bestätigung ihres wachsenden Vorurteils, dass es auf der Landschaft an Intelligenz mangle.

So absurd und gewagt diese Hypothese klingt, enthält sie doch ein Körnchen Wahrheit. Aber nicht, weil der durchschnittliche IQ in Liestal tiefer liegt als am Rheinknie. Hingegen scheint es in Baselland schlicht unattraktiv zu sein, sich auf kantonaler Ebene politisch zu betätigen. Eine grosse Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern foutiert sich um lokale Angelegenheiten. Ihr Desinteresse am eigenen Kanton erlebe ich tagtäglich im Gespräch mit Baselbieter Intellektuellen, Wirtschaftskadern, Künstlerinnen oder auch Fasnächtlern. Sie orientieren sich entweder überregional oder an der Stadt Basel. Ganz anders im Zentrum, wo sich politisches, wirtschaftliches und kulturelles Interesse automatisch auf den Wohnort fokussiert.

Dieses Baselbieter Drama wirkt sich langfristig negativ auf die Qualität der öffentlichen und politischen Leistungen aus. Fraglos gibt es auch zwischen Schönenbuch und Anwil sehr fähige und kompetente Staatsangestellte und Politikerinnen. Aber der Talentpool, aus dem sich diese Amtsinhaber und Magistratinnen rekrutieren, ist rasch ausgetrocknet. Der Abstimmungskampf um den Margarethenstich ist dafür ein gutes Beispiel: Der Politik mangelte es an Gespür für den hohen Erklärungsbedarf dieser Vorlage. Und sie war nicht fähig, die Kräfte zugunsten eines Projektes zu mobilisieren, das der Landrat mit nur elf vereinzelten Gegenstimmen bewilligt hatte. Alle Fraktionen, auch die SVP, sagten im Februar mehrheitlich Ja.

Vielleicht gibt es tatsächlich bessere Lösungen als eine weitere Tramlinie, um 1000 zusätzliche Passagiere pro Tag zum Verzicht aufs Autofahren zu bewegen (was ja auch im Interesse der verbleibenden Automobilisten wäre). Die politische Malaise des Baselbiets zeigt sich in der Tatsache, dass solche Alternativen nicht frühzeitig auf den Tisch kamen, sondern erst in einem umständlichen, teuren und für alle Parteien blamablen Abstimmungskampf andiskutiert wurden. Für ein zukunftsfähiges Baselbiet ist es entscheidend, dass es den politisch aktiven Kräften gelingt, neue, schlaue Köpfe für die Mitwirkung im Kanton zu gewinnen.

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