Gestern, beim fünften und noch lange nicht letzten Neujahrsapéro, stand ich nach der letzten Rede bewusst ein wenig am Rand der Menge und schaute mir die Menschen an mit meinem psychologisch geschulten Blick. Ich fragte mich gerade, warum eigentlich nur Männer herumstehen an Wirtschafts-Apéros. Da sah ich einen alten Bekannten. Schön! Er war mir immer sehr sympathisch gewesen. Einer der letzten Gentlemen, sozusagen. Vielleicht nicht gerade die hellste Laterne im Schulhof, aber stets freundlich. Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen. Dafür kann es Gründe geben. In diesem Fall gab es keine, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren wohl einfach in unterschiedlichen Welten unterwegs, ohne Überschneidungen. Selbst in einer kleinen Stadt kommt das vor. Ich erinnerte mich aber nicht genau, wie unsere Beziehung sich damals zuletzt gestaltet hatte. Mir fiel auch sein Name grade nicht ein. Er lag mir auf der Zunge, ich schwöre es. Oder verwechselte ich ihn, und er war doch der andere, den ich mal an einem Geburtstagsfest bei Jeannette kennen gelernt hatte? Der mich stundenlang zugetextet hatte mit irgendeiner Erzählung über seine Reise durch Südostasien? Nein, das kann er nicht gewesen sein, der soll doch später ausgewandert sein, nach Dings.

Egal, er scheint mich erkannt zu haben und kommt strahlend auf mich zu. Das spricht für ihn, dass er mich wiedererkennt. Welche Gesprächseröffnung ist in diesem Moment angebracht? Jedes Wort zählt jetzt, jeder Zug hat weitere Züge zur Folge. Fange ich an mit Grünfeld-Indisch oder der Pirc-Ufimzew-Verteidigung? Ich habe übrigens keine Ahnung von Schach, ich werfe hier nur mit Begriffen um mich, um Sie zu beeindrucken. Von Beziehungs-Schach hingegen verstehe ich etwas. Ein bisschen. Ist es gut, als erster eine Frage zu stellen? Das Thema ist von Experten noch nicht endgültig geklärt worden.

Ich streckte meine Hand aus und drückte die seine kräftig und selbstbewusst, aber nicht übertrieben. Sie schien mir ein wenig verschwitzt zu sein, aber da kann er ja nichts dafür. Ich entschied mich mit meinem freundlichsten Lächeln für die etwas ungewohnte Formulierung: «Ein gutes Neues Jahr, wie ist denn das Leben zu dir?» Da kann der andere einfach «Danke, gut» antworten, wie auf die unverbindliche Erkundigung «Wie geht’s?», die auch im Englischen «How do you do» fast nur «Hallo!» bedeutet. Mein Gegenüber schien aber durch meine geistreiche Frage für einen kurzen Moment verunsichert, was ich an seiner Mikromimik erkannte – Sie wissen schon, diese Sekundenbruchteile, in denen wir unsere wahren Emotionen nicht kontrollieren können und sie flüchtig über unser Gesicht flackern. Er hatte sich und meine Hand aber schnell wieder ganz im feuchten Griff und antwortete: «Nein, Danke, es ist nicht ungut zu mir.» Wie bitte? Eine dreifache Verneinung? Was meint er? Das ist etwa so klar wie: «Ich sage nicht NO zum Nein zu #NoBillag.» Was in keiner Weise nicht meine Meinung ist, übrigens. Falls ich mich nicht irre.

Während ich noch versuchte, mir einen Reim auf seine merkwürdige Antwort zu machen, sprach er schon weiter: «Dir scheint es gut zu gehen!» Raffiniert. Wirklich raffiniert. Mein kleiner Anfangsvorteil war dahin. Was meint er denn damit? Sehe ich fröhlich aus? Zufrieden? Oder habe ich zugenommen, und er macht sich lustig? Was bitte geht dich das denn an, ob ich zu- oder abnehme? Wenigstens habe ich im Unterschied zu dir noch Haare auf dem Kopf. Was macht eigentlich meine Mikromimik? Na, warte nur, Schluss mit den unverbindlichen Freundlichkeiten, jetzt wird’s ernst. «Über dich höre ich eigentlich fast nur Gutes,» sage ich nachdenklich, «und alles andere glaube ich nicht». Ha! Das hat gesessen. Er weiss nicht, was ich über ihn weiss. Also ich weiss eigentlich gar nichts, aber das weiss er ja nicht. Sein Blick irrt suchend, ja richtiggehend flackernd umher, fast erlöst winkt er einem anderen und sagt zu mir: «Entschuldige, da sehe ich grad einen, mit dem ich dringend etwas besprechen wollte, es war schön, dass wir uns wieder mal unterhalten haben, also, bis zum nächsten Mal, e guets Nöis!»

Befriedigt schaue ich ihm hinterher. 1:0 für mich, ganz klar. Was macht er jetzt? Er spricht mit seinem Bekannten und beide schauen kurz zu mir hinüber. Was sagt er? Beide lachen. Mist. Ich erhebe souverän mein Glas auf ein imaginäres Gegenüber in einem ganz anderen Teil des Raums und drücke mich durch die Masse. Gerade noch mal gut gegangen. Ist doch schön, wenn man alte Freunde wieder mal trifft.