Es allen recht zu machen, ist nicht möglich. Papperlappapp, versuchen wir doch einfach mal, den Anliegen sämtlicher Interessensgruppen für einmal Rechnung zu tragen. Dabei orientieren wir uns frei an den Utopisten aus dem 16. Jahrhundert. Statt der Stadtmauer gibt es im neuen Ideologenquartier Klybeck aussen rum eine sechsspurige Autobahn. Mit Mindesttempo 150 und links und rechts eingesäumt von je drei Reihen weisser Parkplätze in SUV-Breite.

Anschliessend kommt der erste Gebäudering. Im Sockelgeschoss wird lautes Gewerbe einquartiert. Darauf kommen Büros für die wertschöpfungsintensiven Life-Sciences und Bio Valley-Start-ups. Natürlich innovationsparkmässig eingerichtet mit Open Office Space. Auf dem Dach stehen Potato-Towers und urbane Fischzuchten.

Im Anschluss folgen die Urban Gardening-Felder und Trockenbiotope, die den Übergang zu den Genossenschaftswohnungen auf Baurechtsparzellen bilden. Hier können die Genossenschaftsfunktionäre aus der SP-Grossratsfraktion ihren Traum vom besseren Mieten verwirklichen. Und Familien glücklich in einem Idyll aus buchdicken Hausordnungen und ellenlangen Waschplänen leben. Natürlich gibt es hier auch Kindertagesstätten, die die Kinder nachts, am Wochenende und während der kompletten Sommerferien betreuen. Und pro Wohnung sechs Velostandplätze, Ladestationen für Elektrofahrzeuge und einen Unterflurcontainer mit Grüngutsammelstelle.

Wohnen unter Protest

Der Raum zum nächsten Gürtel steht für kreative soziokulturelle konsumzwangfreie niederschwellig-nachhaltige Zwischennutzungen offen. Dazu kommen Proberäume für Nachwuchsbands und gemütliche Aufenthaltsflächen für Alkoholiker, Obdachlose und Wagenplatzromantiker. Darauf folgen die Sozialwohnungen, nach denen die Basta so dürstet. Hier leben bevorzugt langzeitarbeitslose Alleinerziehende mit mindestens acht Kindern, von denen mehr als dreissig Prozent Migrationshintergrund haben und die Hälfte weiblichen Geschlechts sein müssen.

Hier findet sich natürlich eine kostenlose, vegane Montessori-Tagesbetreuung, direkt zwischen der Gemeinschaftsküche und dem Tofu-Grill. Ausserdem liegt hier auch ein Freiraum, den die Polizei nicht betreten darf und wo man in Workshops das Abfüllen von Farbbeuteln und das Malen von Demoplakaten üben kann. Organisieren muss man das in bester anarcho-syndikalistisch-basisdemokratischer Manier natürlich selbst.

Ausserdem kann man die hohe Mauer besprayen, die den innersten Geländeteil vom Rest der Siedlung abriegelt und hinter der sich die Klassenfeinde verschanzt haben. Denn im Zentrum liegt ein Hochhaus mit grosszügigen Wohnungen für Mietpreise ab 3000 Franken für Expats. Der Turm ist unterirdisch mit den Arealen der Pharma-Industrie und der BIZ verbunden, damit sich die Luxus-Gastarbeiter nicht allzu sehr integrieren müssen.

Bleibt natürlich die Frage nach den Normalbürgern, dem Mittelstand, jenen, die hier kein Plätzchen finden. Sie dürfen im Rest der Stadt leben, der durch die Auslagerung der Verbohrten ins Ideologen-Getto deutlich aufgewertet werden dürfte. Doch wie soll das neue Utopia im Klybeck eigentlich heissen? Vorschlag: Das Rundumglücklichprogramm für Fundamentalisten heisst ganz einfach «Fundeli». (dre).