Leitartikel

Solidaritätsvertrag: Homburgertal kämpft leidenschaftlich für das Läufelfingerli

Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das schlecht genutzt wird: Die Bahnstrecke des Läufelfingerli (im Bild ein Zug auf dem Rümlinger Viadukt).

Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das schlecht genutzt wird: Die Bahnstrecke des Läufelfingerli (im Bild ein Zug auf dem Rümlinger Viadukt).

Leitartikel zur kantonalen Abstimmung vom 26. November über das Läufelfingerli und den öV im Baselbiet.

Im Baselbiet ist seit Jahren kein Abstimmungskampf mehr so engagiert geführt worden wie jener über die Zukunft des Läufelfingerli. Im Homburgertal bekämpft eine Volksbewegung mit originellen Aktionen wie der Landsgemeinde die geplante Stilllegung der S-Bahnlinie 9 zwischen Sissach und Olten. Die starke Mobilisierung ist ungewöhnlich, doch nicht überraschend: Der Abbau öffentlicher Leistungen sorgt auf dem Land seit längerem für Gesprächsstoff und Emotionen: In vielen Baselbieter Gemeinden ist es die Poststelle, im Laufental das Spital und im Homburgertal eben die Bahnlinie, die bedroht ist. Der Kanton ist für die Unzufriedenheit im Volk mitverantwortlich, hat er es bis heute doch nicht geschafft, eine Strategie für seine Randregionen zu entwickeln.

S 9 ist kein Erfolgsmodell

Kein Wunder, klammern sich die Menschen im Homburgertal an ihr geliebtes Läufelfingerli. Dabei ist die Bahnlinie alles andere als ein Erfolgsmodell. Die 1858 eröffnete, elegant am seitlichen Talabschluss geführte alte Hauensteinstrecke ist ein beeindruckendes Werk der Ingenieurskunst. Sie wurde aber offensichtlich nicht gebaut, um die anliegenden Gemeinden zu erschliessen. Die Stationen liegen (abgesehen von Läufelfingen) ausserhalb der Dörfer, in Rümlingen und Buckten sind sie nur über einen steilen Fussgängerweg zu erreichen. Für ältere und gehbehinderte Menschen ist die Situation unattraktiv. Die Passagierzahlen sind ernüchternd: 2016 zählte das Läufelfingerli zwischen Sissach und Olten im Schnitt nur 840 Einsteiger pro Tag. Ähnlich erfolgreich ist der bis Buckten parallel geführte (aber kostengünstigere) Bus Sissach-Wittinsburg (859 Einsteiger). Selbst summiert erzielen die beiden Linien nicht die Zahlen der Linie 107 (Sissach-Eptingen, 2059 Einsteiger) im benachbarten Diegtertal, das eine ähnliche Struktur und Bevölkerungszahl aufweist.

Zum Vergleich: Mit 5555 Einsteigern pro Tag fährt die Waldenburgerbahn, die in den kommenden Jahren modernisiert wird, in einer anderen Liga: Sieben Mal mehr Passagiere als das Läufelfingerli bei etwas mehr als der doppelten Bevölkerung. Mit 20 Prozent weist das Läufelfingerli auch den tiefsten Kostendeckungsgrad aller im Tal verlaufenden öV-Linien des Baselbiets auf. Nur drei Buslinien, die Berggemeinden bedienen, sind noch unrentabler. Es ist keine Entwicklung in Sicht, die auf eine Trendumkehr schliessen lässt. Erst vor wenigen Jahren ist die S 9 modernisiert worden und hat neues Rollmaterial erhalten. Die Fahrgastzahlen sind seither nicht etwa gestiegen, sondern leicht gesunken.

Der Makel des Bus-Angebots

Liegt der Kostendeckungsgrad einer öV-Linie unter 25 Prozent, so ist der Kanton gemäss Angebotsdekret gezwungen, Alternativen zu prüfen. Im vorliegenden 8. Generellen Leistungsauftrag (GLA) legt er ab 2020 einen Busbetrieb auf der vollen Länge der S 9 vor. Dank Umstellung auf den flexibleren und kostengünstigeren Bus kann der Kanton mindestens 840'000 Franken pro Jahr einsparen – und dennoch für 80 Prozent der Bevölkerung und fast alle Dörfer im Tal das Angebot verbessern: Erstens, weil auf der Linie insgesamt mehr Kurse verkehren als heute. Zweitens, weil der Bus die Dorfzentren bedient. Die Fahrzeit ist in der Hauptrichtung Sissach nur wenig länger als im Zug und wird durch kürzere Wege zur Haltestelle kompensiert.

Die Umstellung von Bahn auf Bus hat allerdings einen Makel: In Richtung Olten verlängern sich die Fahrzeiten um bis zu eine Viertelstunde. Vor allem für die Gemeinde Läufelfingen, die stark Richtung Mittelland orientiert ist, brächte der Bus eine markante Verschlechterung der öV-Anbindung. Gemeindepräsident Dieter Forter versichert glaubhaft, dass die geplante Überbauung auf einem ehemaligen Industrie-Areal mit 80 Wohnungen und über 100 neuen Einwohnern redimensioniert werden muss, sollte die schnelle Bahnverbindung Richtung Olten wegfallen. Diese ist für das Gedeihen der Gemeinde also geradezu überlebenswichtig. Der drohende Attraktivitätsverlust Läufelfingens stürzt den Stimmbürger in ein Dilemma. Die Solidarität der anderen Dörfer im Tal scheint trotz Aussichten auf ein sehr gutes Busangebot riesig; darauf lassen sämtliche Äusserungen von Gemeinde-Verantwortlichen schliessen. Die Kohäsion, der Zusammenhalt der Regionen, ist in der Schweiz ein hoher Wert. Der Kanton Baselland tut gut daran, ihm Beachtung zu schenken.

Gemeinden bezahlen mit

Das Problem: Das Homburgertal kämpft zwar im laufenden Abstimmungskampf leidenschaftlich für das Läufelfingerli, ist ansonsten aber den Tatbeweis schuldig geblieben, dass es die Bahn wirklich braucht. Den Beweis können die Gemeinden und Menschen im Tal mit folgendem Solidaritätsvertrag erbringen: Wir Baselbieterinnen und Baselbieter stimmen am 26. November Nein zur Stilllegung der S 9, die später kaum mehr rückgängig zu machen wäre. Nach einem Nein wird der Landrat den 8. GLA für 2020 und 2021 neu aushandeln müssen. In diesem Rahmen erklären sich die Gemeinden des Homburgertals bereit, die Hälfte der vom Kanton nicht eingesparten Läufelfingerli-Gelder – 420'000 Franken – zu übernehmen. Der Kanton versucht, das Angebot gemeinsam mit den Gemeinden weiter zu optimieren. Steigt der Kostendeckungsgrad der S 9 wegen tiefer Passagierzahlen bis 2025 trotzdem nicht auf mindestens 25 Prozent, tragen die Gemeinden fortan die vollen Mehrkosten.

Falls den Gemeindeoberen im Homburgertal und den Läufelfingerli-Fürsprechern im Landrat die Bahn wirklich so viel wert ist, wie sie beteuern, dann werden sie diesen oder einen ähnlichen anderen Vorschlag nicht ablehnen können.

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