Haben Sie dieses Video auch gesehen? Ein Typ nimmt meterweit Anlauf und springt über die Mauer an der Schifflände direkt in den Rhein. Die Onlinewelt feiert den Mann. Und ich denke: So ein Vollidiot. Trotzdem bin ich froh, dass sein Versuch geglückt ist. Kaum auszudenken, welche Folgen ein Fehler gehabt hätte. Ein anderer Versuch scheiterte, weil er viele Fehler zur Folge hatte. Die Rede ist von «Schreiben nach Gehör».

Die Idee, dass Schüler wild drauflos schreiben, ohne sich um die Rechtschreibung kümmern zu müssen. Die Pädagogen wollten die Kreativität der Kleinen fördern und jetzt rufen sie den grossen Rechtschreibnotstand aus. Als Schreiberling bin ich erleichtert. Ich bekomme Augenkrebs, wenn ich in einem Satz «dass» lesen muss, obwohl es «das» heissen würde. Meine berufsbedingte Rechtschreibefehlerphobie bringt mich manchmal aber auch zum Schmunzeln. Zum Beispiel, wenn ich in der Klybeckstrasse über mein Lieblingsschild stolpere. Darauf steht: «Ankauf vom alten Gold».

Angefangen hat mein Problem im Gymnasium. Mein Banknachbar hatte es gar nicht mit der Rechtschreibung. Noch als 15-jähriger Schüler verwechselte er «f» und «v». Schreibfehler störten mich schon damals. Das wusste er. Also schob er beim Aufsatzschreiben seinen Text jeweils heimlich zu mir herüber. Ich setzte den Rotstift an und verhinderte das Schlimmste. Auch mit dem Risiko, dass mein Schulfreund manchmal mit einer besseren Note als ich nach Hause ging.

Korrigieren machte mir Spass. Deutschlehrer wollte ich allerdings nie werden. Ehrlich gesagt: Von Grammatik habe ich keine Ahnung. Die Rechtschreibung habe ich im Gefühl. Woher das kommt? Seit ich lesen kann, lese ich: Bücher, Zeitungen, Comics, alles. Genau dort liegt heute das Problem, sind sich Experten einig: Jugendliche lesen weniger Bücher als früher. Sie tippen lieber Whatsapp-Nachrichten ins Smartphone. Da ist die Rechtschreibung halt zweitrangig.


Jetzt sollen die armen Schüler wieder mit Regeln geprügelt werden, anstatt, dass man ihnen zur Unterstützung ihrer Rechtschreibung ein gutes Buch in die Hand drückt? Auch wenn das konsequente «Schreiben nach Gehör» bestimmt nicht das Richtige ist: In der Schule lohnt sich – im Gegensatz von der Mauer an der Schifflände – ein Sprung ins kalte Wasser.