Manches braucht eben länger. Orell Füssli zum Beispiel gibt es schon seit 500 Jahren, trotzdem hat der Verlag erst jetzt per Voting über das Lieblingsbuch der Schweiz abstimmen lassen. 20 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben in fünf Kategorien gewählt: Roman, Krimi/Thriller, Schweizer Autorinnen und Autoren sowie Kinder und Jugend. Und wozu lange um den heissen Brei herumreden: Der Gewinner über alle Sparten heisst «Harry Potter und der Stein der Weisen».

Nichts gegen einen cleveren Whodunnit, auch wenn der Täter in allen sieben Bänden immer derselbe ist – und erst noch nicht namentlich genannt werden darf. Trotzdem lässt mich die Serie nicht mitfiebern, ganz einfach deshalb, weil Fantasy als Genre wie eine Kinderkrankheit ist: Masern kriegt man auch nur einmal, dann reichts.

In meinem Fall hiessen diese Masern «Herr der Ringe». Viel zu lang, gestelzte Sprache, ewige Schlachten – über vieles schüttle ich heute den Kopf. Gut, als Verfilmung geht einem das vielleicht noch nah, aber was ist schon der Ritt von 6000 ungewaschenen Rohirrims gen Minas Tirith, wenn in echt 40'000 Menschen in Violett durch Basel marschieren?

Mein elfjähriger Sohn, mit dem ich am Strassenrand den Frauenstreik verfolge, fragt noch, ob diese Menschen, zwischen denen seine eigene Mutter läuft, jetzt auch Wände besprayen und Scheiben einschlagen würden. Und ich schlucke erst einmal meinen Kloss herunter. Ich bin tief beeindruckt – und gerührt: so viel berechtigte Wut, so viel Wucht und Fröhlichkeit auf diesem elend langen Marsch in eine gerechtere Zukunft!

Man mag das für eine Utopie halten. Aber keine Fantasy hält da mit.