Diese Woche ist uns der Terror sehr nahegekommen: Das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Strassburg hat wieder einmal gezeigt, wie verwundbar wir gegenüber fanatisierten Verbrechern sind. Strassburg liegt nur etwas mehr als 100 Kilometer von Basel entfernt. Aber geht uns der Terror deshalb auch nahe? Damit meine ich nicht, dass wir in Angst und Panik verfallen sollten. Im Gegenteil: Die Gefahr, dass eine Gesellschaft sich aus einer Abwehrhaltung heraus ihrer eigenen Freiheiten beraubt, ist wesentlich grösser und im negativen Sinn nachhaltiger als die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags.

Mit «nahe gehen» ist das Bewusstsein dafür gemeint, was um uns herum geschieht und dass alles mit allem zusammenhängt: Sind wir uns im Klaren darüber, dass die «Bubble», in der wir uns wähnen, jederzeit platzen kann? Die Region Basel geht ihren gewohnten Trott. Einen Trott, der auf Wohlstand und Sättigung gründet. Wir diskutieren über eine Spitalfusion, ärgern oder freuen uns über die Wohnraumpolitik in der Stadt oder beklagen das Fehlen eines übergeordneten Konzepts für die hohe Museumskultur. Luxusprobleme also. Könnte man angesichts der Zerfallserscheinungen und dem Verlust von fast unzerstörbar scheinenden Ordnungen in der europäischen Nachbarschaft meinen.

Doch das wäre ein Trugschluss. Die genannten Beispiele aus der Wohnraum-, der Gesundheits- und der Kulturpolitik betreffen die Kernfragen unseres Zusammenlebens, wir sollten uns entsprechend damit auseinandersetzen:

Als Stadt, die sich in rasantem Tempo entwickelt, stellt sich die Frage nach genügend und genügend bezahlbarem Wohnraum sehr dringend. Das Basler Stimmvolk hat im Juni dieser Dringlichkeit mit der Annahme von vier Initiativen Ausdruck verliehen. Dieses Verdikt war und ist als Zeichen des Unbehagens gegenüber einem Wohnungsmarkt zu verstehen, der die Belange der materiell benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugunsten der Rendite immer mehr vernachlässigte. Dass nun der Staat korrigierend eingreifen muss, ist absolut richtig. Heikel ist es, die Balance zu finden zwischen sozialem Ausgleich und der Ermöglichung einer ökonomisch und städtebaulich dynamischen Entwicklung der Stadt. Das Mass, mit dem die Regierung dies zu tun gedenkt, scheint vernünftig und ein guter Mittelweg. Aus der Wohnraumpolitik wird mit ihrer Vorlage auf jeden Fall noch lange kein planwirtschaftliches Unterfangen.

Die Spitalfusion in Basel-Stadt und Baselland ist ein schwierig zu durchschauendes Thema. Die Gesundheitspolitik ist eines der komplexesten Politikfelder überhaupt, ein grundsätzliches Misstrauen ist berechtigt: In der Vergangenheit wurden zu viele leere Versprechungen hinsichtlich möglicher Kostensenkungen gemacht. Aber es geht bei der Fusionsfrage im Kern um den Fortbestand einer langen Wissenstradition in der Stadt und der Region, eines Zusammenspiels zwischen Universität, klinischer Forschung und Pharma. Es mag nicht sympathisch sein, dass sich immer grössere Player herausbilden müssen, um im lukrativen Markt der Gesundheit überhaupt bestehen zu können. Noch weniger sympathisch ist es, dass diese Fusion wiederum kaum eine dämpfende Wirkung auf die steigenden Gesundheitskosten und damit auf die Krankenkassenprämien haben wird. Aber was wäre denn die Alternative? Wollen wir für bestimmte, hochspezialisierte Eingriffe künftig in andere Schweizer Städte reisen müssen?

Die Kulturpolitik schliesslich ist ein Sorgenkind in dieser Stadt. So hat man in den vergangenen Monaten den Eindruck bekommen, es herrsche eine regelrechte Museumskrise. Es geht dabei nicht um Detailkonzepte oder neue Museumsbauten. Es geht um eine generelle Orientierungslosigkeit, es fehlt eine grössere «Erzählung», ein übergeordnetes Bild und das klar konturierte Selbstverständnis einer städtischen Gesellschaft. Welche (Museums-) Kultur will sich diese Stadt leisten? Wie gewichtet man welche Tradition und welches historische Erbe, wie das aktuelle Schaffen? Erst auf einer solchen Basis kann weiter politisiert und geplant werden. Und es bräuchte jemanden, der uns dies glaubhaft vermitteln kann. Alles andere ist Flickwerk.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt also ist mehr als nur friedliches Schlangestehen an der Kasse des weihnächtlich geschmückten Einkaufscenters. Solidarisches Denken und Verhalten bedeuten mehr als nur Fussballmillionär Breel Embolo als engagierten Menschen zu loben, der als Botschafter von Max Havelaar Plakate in unseren Drämmli ziert. So sehr wir dankbar sein können für unseren Wohlstand und unsere Privilegien: Die damit verbundene Sättigung kann zu Kurzsichtigkeit führen und zum Gefühl, von allem rundherum nicht tangiert zu sein. Der Anschlag in Strassburg, der ein Fanal ist für eine Welt ohne Sicherheit und Gewissheiten, sollte uns in diesem Sinn nahe gehen.