Der Geistschreiber

Twitter-Ente Dagobald

(Symbolbild)

Das englische «to twitter» heisst auf deutsch «schnattern».

(Symbolbild)

Der Geistschreiber über das Twittern und Flattern eines Ententainers. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Ornithologen beobachten seit Kurzem eine bislang unbekannte Unterart der Mareca Strepera, der Schnatterente. Sie haben sie mit der Bezeichnung «Mareca Strepera Twittera» bedacht, also «lärmende Twitterente» – das englische «to twitter» heisst auf deutsch «schnattern». Als Forschungsobjekt tat sich ein streithafter Erpel hervor, den die Vogelkundler Dagobald nennen.

Dagobald steht gerne am Rand des Entenweihers, blickt hinein und betrachtet sich. Er zeichnet sich aus durch eine dünne, klebrig-orange Kopfbefiederung, einen umfassenden Bauch und einen drolligen Schwanz. Sein schmaler runder Schnabel verformt sich beim Quaken ähnlich wie bei bei der Knetfigur Pingu zu einer Vuvuzela. Wie Pingu trötet auch Dagobald nuancenfrei, eruptiv, repetitiv und intellektuell einzellig.

Dagobald schwimmt. Oft fliegt er auch. Er hebt ab, geht auf die Palme und dann in die Luft und kommt kaum mehr herunter. Meist fliegt er in den oberen Luftmassen, deren tiefer Sauerstoffgehalt zur Unterversorgung seines Entenhirns führt und dessen Funktion erheblich beeinträchtigt. Wirklich erheblich. Dagobald regentet eine Kolonie bluts- und geistesverwandter Enten und Erpel. Sie plustern sich auf wie er, achten aber stets darauf, kleiner zu wirken. Er beschäftigt sich mit dem nachhaltigen Abbau von allem, sie mit dem nachhaltigen Anbau von nichts. Wenn immer er quakt, brechen sie in sauerstoffarmes Schnattern aus. Bei ihren natürlichen Feinden, den Andersquakenden, stellt sich wildes Flattern ein.

Dagobald lebt von Schleim. Seine Kolonie versorgt ihn reichlich damit. Wenn Schnecken vor ihm kriechen, beginnt er erregt zu quaken. Seine Kolonie hört dann betreten weg. Ausser bei Nacktschnecken. Dort nehmen sie an seiner Erregung interessiert Anteil. Als Spätfolge stürmischer früherer Grabungsarbeiten bei Nacktschnecken leidet Dagobald gelegentlich an einem unangenehmen Schluckauf. Er wirkt dann meist kurz twitterkarg. Aber wirklich nur kurz.

Dagobald legt eine ausgeprägte Orientierungslosigkeit an den Tag und die Nacht. Ursachen sind ein Geschmackssinn von bemerkenswerter Abwesenheit sowie ein verkümmertes Rückgrat. Seine Mistbildung verunmöglicht Innehaltung und dementsprechend Haltung. Er entdeckt alle drei Sekunden neue Standpunkte und nimmt sie dann wild entschlossen für drei Sekunden ein. Den Ententanz beherrscht er ohne Taktgefühl. Dank seines Wendehalses fällt es ihm leicht, in den steten Kehrtwendungen seiner Polonaise regelmässig einen Blick nach hinten zu werfen, um Enten aus der Kolonne zu tröten, die aus der Reihe tanzen, weil sie seinen Ent- und Ausscheidungen ausweichen.

Dagobald hat Zaungäste. Darunter sind eine Pekingente und eine Moskaupute. Sie verfolgen seine Lärmemissionen aufmerksam mit. Als ob sie damit rechnen würden, dass der Ententainer sich irgendwann verquakt und einen Abflug macht. Dass seine Kolonie dann grossflächige Aufräum- und Instandstellungsarbeiten in Angriff nimmt und keine Zeit mehr hat, den Aktivitäten in anderen Kolonien Aufmerksamkeit zu schenken. Und dass Dagobald doch mal noch sein wahres Ich entdecken wird, die Ente à l’Orange.

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