Ich übe gehen.» «Weshalb musst du gehen üben?» «Weil ich einen schweren Unfall hatte und elementare Körperfunktionen wieder neu erlernen muss.» Dem Gesunden ist das Gehen eine Selbstverständlichkeit.

Da gibt es nichts zu üben. Gehen ist etwas, was «von selbst geht». Das ist auch das Ziel des Übens: Dass etwas von selbst geht und meine Aufmerksamkeit nicht länger beansprucht. Auch der durch den Unfall Geschädigte übt, damit er bald nicht mehr üben muss.

Doch es gibt Üben und Üben. Unsere Sprache weist darauf hin, dass Üben möglicherweise noch eine andere Bedeutung haben kann: Ich übe eine Tätigkeit aus. Ausüben ist nicht Üben (im bisher erläuterten Sinn), aber referiert doch auf dasselbe Wort. Die Tätigkeit, die ich ausübe, behält meine volle Aufmerksamkeit. Das Ziel der Ausübung ist es nicht, sich zu erübrigen.

Ich übe Klavier. Wenn ich gut geübt habe, spielt sich das Stück irgendwann gleichsam «von selbst». Ich muss es nicht mehr länger üben, sondern kann es vortragen. Es heisst, dass dieser Automatisierungsvorgang uns frei für die Musik mache. Ist die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die technische Ausführung gebunden, kann sie ganz der Musik gelten.

Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall. Richtet sich meine Aufmerksamkeit erst jetzt auf die Musik, wird sie keine Musik vorfinden, nichts, dem sie begegnen könnte. Beim Musizieren liegt in der Automatisierung der Vollzüge eine grosse Gefahr.

Üben als Automatisieren ist sinnvoll nur als Nebenprodukt eines Übens, das in erster Linie und von Anfang an auf die Vergegenwärtigung der Musik gerichtet ist. Diese Bewegung kommt an kein Ende. Sie gleicht dem metaphysischen «Begehren» bei Emmanuel Levinas, das sich von seinem Hunger ernährt. Das Üben, um das es hier geht, ist offenkundig wieder ein «Ausüben», ein Üben, das dem stets reineren Aufgehen in der Tätigkeit, ihrem immer aufmerksameren Vollzug dient.

Und wie übt sich Philosophie? Nun, auch hier kann ich mich in der Beweglichkeit meines Denkens üben, bis alles «wie geschmiert läuft»: Irgendwann kann ich überall mitreden, nie verlegen um kluge Argumente und Gedanken. Ist dieses Ziel erreicht, brauche ich nicht mehr zu üben. Doch heisst Aufhören zu üben dann nicht auch gleich: Aufhören zu denken? Ist das Denken nicht eine Tätigkeit, die man übt, indem man sie ausübt, und mit dem Ziel, sie immer besser und aufmerksamer auszuüben?

Sensationelle neue Erkenntnisse hat die Philosophie nicht zu bieten. Kaum lässt sich von eindeutigen «Fortschritten» von Platon bis heute sprechen.

Doch wie viel unausgeschöpftes Potenzial steckt in ihr, insofern es bisher schlicht an Menschen gefehlt hat, welche bereit waren, überlieferte Erkenntnisse in ihrer jeweiligen Situation
existenziell zu bewähren und zu beglaubigen?

Vielleicht wäre das die eigentliche Aufgabe des philosophischen Übens: Mit den Theorien und Einsichten, die ich erläutern und begründen kann, einmal wirklich Ernst zu machen. Auszuprobieren, ob aus einer Meinung eine Überzeugung werden kann, an der ich mein Leben ausrichte. Kann ich mich mit dem, worüber ich so gut sprechen kann, in Tat und Wahrheit verbinden? Diese Übung hält mir den Spiegel vor. Philosophie ist immer auch — Selbsterkenntnis.