Wieder einmal bin ich das Opfer meiner Schwäche gegenüber Katzen geworden. Dieses anmutige Geschöpf streicht um meine Beine und mauzt erbärmlich. Offenkundig will es gestreichelt werden. Da kann ich nicht nein sagen. Ich kraule das Kätzchen zunächst zwischen den Ohren und lasse meine Hand dann mit etwas verstärktem Druck dem Verlauf seiner Wirbelsäule folgen. Das Tier duckt sich unter meiner Berührung, als wolle es sagen: «Bilde dir nur ja nichts darauf ein! Das haben andere schon besser gemacht.» Zugleich fixiert es penetrant einen mir nicht sichtbaren Gegenstand in einiger Entfernung, zweifellos um mir zu bedeuten, dass seine Aufmerksamkeit durch etwas Wichtigeres gefesselt wird als durch meine bestenfalls durchschnittlichen Streichelversuche. Aber eben wurde ich ja noch geradezu flehentlich darum gebeten …

Nun, dann lasse ich eben von ihr ab, wenn die Mietze das nicht zu schätzen weiss! Aber kaum schicke ich mich an zu gehen, wendet sie sich mit einem unzufriedenen Mauzen um und kommt wie zufällig wieder in meine Nähe. Das Spiel beginnt von vorn …

Verstehen sich Mensch und Tier? Als meine Frau mit unserem Sohn schwanger war, legte unsere Katze mehrfach das Pfötchen an die Stelle auf ihrem Bauch, gegen die der Kleine von innen zu treten beliebte. Wenn sie damit offenkundig ihr «Verständnis» der Situation zeigte, so meinten wir unsererseits sie zu verstehen, als sie nach ihrem ersten Wurf, bei dem sie nicht weniger als sechs Jungen das Leben geschenkt hatte, Signale der Überforderung zeigte und die hilflosen Kätzchen einzeln zu uns ins Schlafzimmer brachte - vor allem immer wieder den kleinen schwarzen Panther, den sie schon in der ersten Sekunde fauchend hatte zurechtweisen müssen, weil er sich hatte vordrängen wollen.

Aber was heisst schon verstehen? Als wir unseren kleinen Kater mit eingebundenem Bein aus der Tierklinik zurückbringen, wo sein gebrochener Fuss operiert worden ist, will sich das Muttertier auf ihn stürzen, sodass er sich verängstigt unters Sofa flüchtet. Wir müssen Mutter und Sohn einstweilen trennen.

Und dann immer wieder solche Szenen: Ein Tier rennt plötzlich los, unmotiviert und ziellos, wie es scheint. Ohne sichtbaren Grund hält es mit einem Mal inne, kratzt sich und geht dann seelenruhig in eine andere Richtung weiter. Unmotiviert, sagte ich. Oder ist uns das Motiv einfach nicht zugänglich? Weil wir nicht wissen, wie es ist, eine Katze zu sein?

Was macht denn die Faszination der Tiere für uns aus? Die Nähe und Vertrautheit, die wir oft empfinden? Oder das Fremde, Rätselhafte, Geheimnisvolle, das sie umgibt? Und wenn es das Zugleich von beidem wäre, von Nähe und Ferne, von vertraut und fremd?

Liegt nicht das eigentliche Faszinosum darin, dass wir uns in jeder Bewegung einer Katze wiederfinden, während der Umstand, dass das Tier keine Begriffe zur Auslegung seiner Situation hat, dieselbe Bewegung für uns zugleich in eine unvorstellbare, unzugängliche Ferne entrückt? Jede Geste ist stimmig und leuchtet unmittelbar ein, aber bleibt in eins damit endgültig unzugänglich. In sich stimmig, uns vertraut – und doch ein unauflösbares Rätsel.