Bella Italia, dolce far niente. Familienferien. «Ich würde gerne wieder mal ein Puzzle machen», sagt die Ehefrau. Ein Puzzle? In den Sommerferien? Wenn ich schöne Bilder sehen will, schaue ich zum Fenster hinaus – Berge und See, so weit das Auge reicht. Wem das nicht reicht, kann alle denkbaren Sujets im Netz finden. Alleine auf Instagram, informieren mich meine Töchter, werden pro Minute mehr als 40 000 Fotos hochgeladen. Das sind 60 Millionen Bilder pro Tag. Würde ich jedes Bild eines einzigen Tages für fünf Sekunden ansehen wollen, wäre ich 9,5 Jahre beschäftigt. Ohne Schlaf natürlich.

Der normale Instagram-Nutzer starrt allerdings nicht fünf ewig lange Sekunden auf dasselbe Bild, das geht viel schneller. Wie auch immer: Ich kaufte ein Puzzle mit den Deckengemälden der Sixtinischen Kapelle. Michelangelo hat vier Jahre daran gemalt. Ein Panorama-Puzzle mit 1000 Teilen. Der Anfang war ein wenig harzig, aber es stellte sich bald heraus, dass die Aufgabe übermenschlich war. Den Rand kriegt man irgendwie noch hin – der Tisch reichte gerade dafür, obwohl zwei Stücke unauffindbar schienen. Das lag auch daran, dass es gar nicht möglich war, alle Teile auf den Tisch zu legen. Darf man das Bild auf der Schachtel als Hilfsmittel benutzen? Ja, aber es nützt nicht viel. Klar erkennbar ist wegen der stark reduzierten Grösse eigentlich nur die Erschaffung des Menschen. Und das ist das einzige Motiv, das eh jeder kennt. Auch Kunst- und Religionsbanausen. Es kommt nur knapp hinter der Mona Lisa, was Posterreproduktionen und Parodien betrifft. Die restlichen über 95 Prozent des Deckengemäldes hatte ich noch nie viel länger als fünf Sekunden angeschaut. Jetzt sah ich es in Hunderten von Einzelteilen, die alle eine Eigenschaft gemeinsam hatten: Sie passten nirgends hin. Das Puzzle lag also lange im Anfangsstadium auf dem Tisch, denn am Tag geht man an den See, radelt oder spaziert – und am Abend macht man kein Licht an, weil die Mücken sehr durstig sind.

Bis ich eines Tages beschloss, im Haus zu bleiben und zu lesen. Das Puzzle tat mir ein wenig leid, auch Michelangelo, der so lange hart gearbeitet hatte. Ich fing an, die Teile nach Strukturen und Farben zu sortieren. Ich fand einige Stücke, die zueinander passten. Glückserlebnis. Ich merkte nicht, wie die Zeit verging, jedenfalls erschien der Rest der Familie und wollte essen. Das Puzzle sah immer noch aus, als würde es nie fertig werden. Aber es hatte mich gepackt. Am nächsten und übernächsten Tag machte ich mich wieder daran, jetzt unterstützt von Marc. Manchmal gingen wir um den Tisch herum, schweigend, fast meditativ. Eine veränderte Perspektive hilft oft. Plötzlich passt etwas. Einzelne Figuren und Geschichten gewinnen Gestalt. Gegen Ende waren wir fast wie in Trance, bis Marc das Schlussstück im Gewölbe einsetzte.

Selbst Michelangelo hätte Freude gehabt. Selten habe ich mich so intensiv mit einem Bild auseinandergesetzt. Das gab viel Gesprächsstoff. Gesucht werden jetzt: Neue Puzzles.