Der Geistschreiber

Vom Zeugen bekannter Verwandter

Ahnenforschung mit Roger Federer

Ahnenforschung mit Roger Federer

Der Geistschreiber über die Ergebnisse seiner Familienforschung. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Auch ich habe einmal Familienforschung betrieben. Weil ich wissen wollte, was ich bin. Ich habe es herausgefunden. Ich bin Bauer, Bauer und nochmals Bauer. Sieben Generationen lang haben wir des Tages Kühe gemolken und des Nachts Kinder gezeugt. Bei Claus Näff im Jahr 1702 habe ich die Recherche abgebrochen. So ab 2003 fehlten mir Lust und Zeit. Ich schaute lieber Tennis.

In meinem Stammbaum nicht gefunden habe ich Badischte-Sef und Wisis-Tri, seine Frau. Obwohl sie vor hundert Jahren exakt dasselbe zu tun pflegten wie wir, nämlich melken und zeugen. Allerdings in Schwende. Und Schwende ist innerrhodisch. Meine Ahnentafel hat ja viele skurrile Gestalten zutage gefördert, doch Innerrhoder waren keine darunter.

Badischte-Sef und Wisis-Tri zeugten mit katholischem Erfolg sieben Kinder. Das älteste, Maria Katharina, geboren 1915, heiratete nach Berneck ins Rheintal hinunter. Dort pflegte sie mit ihrem Gatten Toni die feine Tradition des nächtlichen Kinderzeugens weiter.

Das Ergebnis hiess Robert. Robert zog erst nach Basel zur Ciba und dann nach Südafrika. Dort lernte er Lynette kennen. Auch sie blieben der nächtlichen Tradition treu und schenkten 1981 Roger das Leben. Und dieser hielt die Tradition mit seiner Mirka sogar noch höher als seine Vorväter und erreichte mit vier Kindern bei nur zwei Geburten erst noch ein beneidenswert günstiges Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Vier Siege in zwei Matches haben nicht einmal seine Appenzeller Urgrosseltern Badischte-Sef und Wisis-Tri geschafft.

Manchmal liege ich nächtens wach und rechne. Rogers Gene stammen zur Hälfte aus Südafrika, zu einem Viertel aus dem Rheintal und zum andern Viertel aus dem Appenzellerland. Von dort hat er seine Zähigkeit. Die Eleganz verdankt er wohl der Wahlheimat von seinem Vater und mir, dem Baselbiet. Was er vom Rheintal und von Südafrika hat, frage ich mich noch. Und solange diese Frage nicht beantwortet ist, können wir seine 18 Grand-Slam-Siege dem Appenzellerland und dem Baselbiet gutschreiben. Also meinen zwei allerliebsten Halbkantonen. Zufall?

Ich werde in meiner Familiengeschichte wohl noch weiter zurück blättern. Appenzell hat sich ja erst 1597 halbiert. Vorher waren wir eins. Wir blieben gerne unter uns. Selbst bei der Pflege nächtlicher Traditionen. Darum waren wir alle miteinander verwandt. Wenn ich weit genug zurückblättere, finde ich zweifellos einen Vater oder eine Mutter, die ich mit Badischte-Sef oder Wisis-Tri gemeinsam habe.

Liebes Baselbiet: Roger ist bei euch aufgewachsen, das ist wahr. Aber mit mir ist er verwandt. Ihr müsst zugeben, das ist eine andere Liga. Er wird auch noch weitere Grand-Slam-Titel gewinnen, das steckt nun einmal in unseren Genen. Gratulationen bitte an mich. Sollte er verlieren, liegt’s wohl am Rheintal oder an Südafrika. Man braucht die Dinge nur so lange ins rechte Licht zu rücken, bis sie so aussehen wie man sie sehen will.

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