Wenn mein Bruder aus Hamburg zu Besuch bei mir in Basel ist, gibt es regelmässig Missverständnisse. Ich erinnere mich daran, wie ich in einem Café eine Schale bestellt habe und er sich gewundert hat, dass der Milchcafé in einer normalen Tasse kam. Er hatte eine grosse Schale erwartet, die wir hier für das Müsli nehmen.

Auch das Zeitung lesen wird ein Problem. Ich schätze, dass er auf jeder Seite der bz sieben oder acht Wörter nicht versteht, weil sie Schweizer Schriftdeutsch sind wie Camion, Trottoir, Velo, Busse oder Apéro. Selbst den Ausdruck äufnen wird er, obwohl er früher für eine Bank gearbeitet hat, nicht verstehen.

Besonders spannend finde ich dieses Sprachenthema bei uns im Dreiland bei den Abkürzungen und ihrer Aussprache. Ich erzähle immer wieder gerne die Geschichte des französischen Ehepaars, dass in Freiburg im Breisgau verzweifelt den ADAC gesucht hat. Das ist die Abkürzung für Allgemeiner Deutscher Automobil-Club. Niemand hat sie verstanden, weil die Franzosen nicht wussten, dass die Abkürzung A, D, A, C buchstabiert und nicht mit den Vokalen als ein Wort ausgesprochen wird.

Hätten Sie den TÜV gesucht, den Technischen Überwachungsverein, wäre das kein Problem gewesen. Die deutsche Motorfahrzeugkontrolle kommt sprachlich als eine Silbe daher. Ich habe mich immer gefragt, wie diese unterschiedliche Handhabung zu erklären ist.

Auch in der Schweiz gibt es derartige Beispiele. Das BAV (Bundesamt für Verkehr) wird B, A, V ausgesprochen, während das EDA, das Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten, voller Selbstverständlichkeit nicht buchstabiert, sondern mit zwei Silben aus dem Mund kommt.

Ähnliche Beispiele haben die Franzosen. Der staatlich festgelegte Mindestlohn SMIC, das Salaire minimum interprofessionnel de croissance, wird nicht buchstabiert, sondern wird als eine Silbe ausgesprochen. Wenn Sie sich bei einer Reise nach Paris allerdings zum RER durchfragen wollen, wird man Sie nur verstehen, wenn Sie die S-Bahn als R, E, R buchstabieren. Es bedeutet übrigens Réseau Express Régional.

Eindeutig ist die Aussprache bei Abkürzungen ohne Vokal. Alle halbwegs frankophilen Leser werden wissen, wie der Hochgeschwindigkeitszug TGV ausgesprochen wird. Es bedeutet train à grande vitesse. Bedauerlich ist nur, dass die französische Bahngesellschaft SNCF dabei ist, diese schöne Marke kaputt zu machen. Neu heisst der TGV InOui wie unerhört oder unglaublich. Die regelmässige Werbung wiederum, die ich per Mail bekomme, läuft unter Oui.sncf. Statt ja würde ich dazu nein sagen.