Der Geistschreiber

Von Kühen

Der Geistschreiber über Moral und Spott. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Veganer gibt es in zwei Ausgaben: a) Normale und b) Nervensägen mit langem Zeigefinger. Aufseiten der Karnivoren, also der Fleischfresser, gibt es a) Normale und b) Veganerhasser mit langem Stinkefinger. Es sind ja stets die geistesverwandten Ultras, die sich gegenseitig Munition liefern und einander mit Moral oder Spott befeuern.

Ich esse wenig Fleisch, mache mich aber gerne lustig. Im Sommer über Grillitaristen in der Fernsehwerbung – im Winter über Veganistinnen auf Facebook. und als sich letzthin eine Tierschützerin in einem Veganerforum empörte, der Mensch zwinge den Kühen Schwangerschaften auf und stehle ihnen die Kinder, konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen: Ich wüsste nicht, wie es in andern Ländern sei, aber in der Schweiz würden Kühe keine Kinder gebären, sondern Kälber.

Auf dem Appenzeller Häämetli meiner Kindheit wurden die Kühe ja nicht mal schwanger. Sondern trächtig. Vorher wurden sie stierig und bestiegen einander. Gelegentlich hat mein Vater dann den Stier oder Besamungstechniker besorgt. Ob die Kühe den Stier lieber mochten als den Köfferlimuni aus dem Subaru, bezweifle ich. Stierig wurden sie so wie so. Von unseren Kühen hat sich keine für Kälberlosigkeit entschieden – trotz Tagesstätte im Chälblistall. Streicheleinheiten bekamen sie oft. Ich habe viele Stunden Kühe gekrault, gebürstet und gestriegelt. Kühe sind wie Katzen. Wenn sie könnten, sie würden schnurren. Erika liess oft eine unserer Katzen auf ihrem Rücken schlafen. Sie trottete auch immer als erste daher, wenn mein Vater zur Melkzeit sein Hoahoaho in die Weide hinaus rief. Er war ein Kuhflüsterer, und unsere Kühe waren zufrieden.

Handgestriegelt werden Kühe wohl kaum mehr. Dafür haben viele von ihnen Freilaufställe und Mutterkuhhaltung. Aber auch Mutterkühe wickeln ihre Kälber nicht und lesen ihnen nicht aus Bilderbüchern vor. Tiere mit Menschen zu verwechseln finde ich ausgesucht originell.

Trotzdem verbindet mich etwas mit den Zeigefinger-Veganen: Ich verstehe nicht, wie man Fleisch aus konventioneller Haltung kaufen kann. Und Protzbrocken, die auf ihrem SUV-grossen Luxusgrill Billigfleisch aus Massentierhaltung braten, eingeflogen aus Neuseeland oder Uruguay, die widern mich an. Da fehlt jeder Respekt vor dem Geschöpf.

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