Sie müssen wissen, als Journalist lebt man nicht nur einsam, sondern beinahe zurückgezogen. Durchgehend im Beisein der Schönen, Mächtigen und Reichen wird der Journalist tagtäglich an seine eigene Bedeutungslosigkeit erinnert. Nicht so im Wahlkampf. Jetzt muss er kein Schattendasein mehr fristen. Er wird umgarnt wie das hübscheste Mädchen in der Klasse. An Podien eingeladen. An Apéros namentlich begrüsst. Manche Politiker kannten keine Scham und lachten gar über die holprig und nervös vorgebrachten Witze. Es ist ein wahrhaftiges, dreimonatiges Cinderella-Märchen.

Für einmal darf sich der Journalist wichtig fühlen. So wichtig, dass ein LDP-Regierungsrat mit einer Stimme, die einen interessanten Abend versprach, «Hallo Schatzi» in den Hörer hauchte, als das graue Schreiberlein für ein Statement zur Brexit-Debatte oder so anrief. Oder der SVP-Kandidat, der sich in der Redaktion verwählte, aber eigentlich eine Versicherung abschliessen wollte. Im Wahlkampf haben die Politiker die Redaktionen auf Speed-Dial. An einem Podium reichte die abfällige Bemerkung eines Journalisten über den dargebotenen Wein, um den Justizdirektoren zu verführen: Hemdsärmelig schwang er sich hinter die geschlossene Bar und zapfte das Bier eigenhändig.

Das fühlt sich gut an. Das macht sogar irgendwie süchtig. Schade, schade, beginnt bald eine neue Legislatur. Denn dann dreht der Wind: Ein gewählter Politiker ist kaum zu erreichen (vielleicht muss er dann ja auch einfach arbeiten). Ich hoffe dennoch sehr auf einen zweiten Wahlgang und eine Verlängerung jener Prinzessinnen-Zeit.