Nota Bene

Wahre Kinderliebe

(Symbolbild)

Berufsleute, die mit Kindern zu tun haben, wissen: Zwischen Grüseln und kinderfreundlichen Menschen zu unterscheiden, ist nicht immer einfach.

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Die Rutschbahn im Joggeli ist unschlagbar. Ist ja klar, wo wir am Donnerstagnachmittag hingehen. Meine Tochter ist jetzt dreieinhalb und darf das erste Mal zusammen mit mir runterrutschen. Vor der rasanten Wasserabfahrt hat sie keine Angst, mit dem Badmeister reden würde sie eher nicht. Dazu ist sie zu scheu. Also quatsche halt ich beim Anstehen ein wenig mit dem Mann in der roten Badehose. Was das Mühsamste an der Arbeit hier oben sei, will ich wissen. «Pubertierende Jungs», kommt die Antwort. «Am schlimmsten ist es, wenn sie zu viel Glace gegessen und zu viel Sonne abbekommen haben. Dann sind sie nicht mehr kontrollierbar.» Etwas kleinlauter ergänzt der Mann hinter Dächlikappe und Sonnenbrille: «Manchmal erzählen die Jungs ihren Eltern, ich hätte sie angefasst. Aus Rache, weil ich sie zurechtgewiesen habe.» Und was dann? «Ich sage den Eltern: Zeigt mich an, dann werden wir ja sehen.» Bis jetzt habe noch nie jemand diesen Schritt gewagt, meint der Badmeister.

Kindsmissbrauch ist ein heikles Thema. Eben auch dann, wenn der Missbrauch missbraucht wird. Sozusagen. Ein anderer mir bekannter Fall: Ein Mann befindet sich im Sorgerechtsstreit mit seiner Ex-Frau. Diese behauptet, die Tochter habe ihr erzählt, sie müsse sich zu ihrem Vater ins Bett legen und sein Geschlechtsteil berühren. Das Interessante dabei: Sie verbietet ihrem Ex den Umgang mit den gemeinsamen Kindern trotzdem nicht. Und: Die Anwältin der Frau zieht sich wegen Unglaubwürdigkeit aus dem Fall zurück. Nochmals Glück gehabt. Aber so was bleibt an einem Mann haften.

Nicht nur der Santiglaus sagt Nein, wenn das Kind auf den Schoss sitzen will. Auch Frauen passen auf. Eine Bekannte von mir ist Schwimmlehrerin. Die Badehose von kleinen Jungs zuzubinden, vermeidet sie. Man weiss ja nie. Berufsleute, die mit Kindern zu tun haben, wissen: Zwischen Grüseln und kinderfreundlichen Menschen zu unterscheiden, ist nicht immer einfach. Neulich wurde auch ich skeptisch, als ein Mann mit meiner Tochter rumblödeln wollte. Etwa drei Minuten lang habe ich die Situation beobachtet und dann gesagt: Wir müssen jetzt gehen. Zeigte er zu viel Interesse? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss: Zum Badmeister oben an der Joggelirutschbahn gehen wir wieder. Schliesslich hat ihn nicht gestört, dass meine Tochter das «Bisi» vor lauter Aufregung nicht mehr halten konnte und den Boden nass machte. Das ist wahre Kinderliebe!

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