Herzstück

Was ich vermisst habe. Und was nicht

Unser Kolumnist war einen Monat lang offline. (Symbolbild)

Unser Kolumnist war einen Monat lang offline. (Symbolbild)

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück über das Experiment, einen Monat lang offline zu sein.

Was ich vermisst habe ohne Internet: schnelle Informationen nach dem Anschlag in London auf der Westminster Bridge. Auf dieser Brücke bin ich über 30-mal mit Gruppen von Jugendlichen gestanden. Am Abend die «Tagesschau», relativ unaufgeregt, in drei Minuten war alles gesagt. Bei den Privaten nur Wiederholungen.

So funktionieren Breaking News: Endlosschleifen der wenigen bekannten Fakten. Später immer mehr «Augenzeugen», die auch nichts gesehen haben, und Experten, die dank vieler Jahrzehnte Expertentätigkeit sagen können: «Vieles deutet auf einen Terroranschlag hin.» Also habe ich gar nichts verpasst, ich spürte nur meinen Reflex, so schnell wie möglich von unterschiedlichen Quellen vielleicht doch etwas Neues zu erfahren.

Weniger dramatisch: Manchmal hätte ich gerne den Regenradar gecheckt – die meiste Zeit war es aber eh sonnig. Nicht ganz zu hundert Prozent hielt ich die Offline-Zeit ein, wenn ich Texte ausdrucken musste. Da gäbe es andere Lösungen, aber das war mir irgendwann zu umständlich.

Beim Warten vor Sitzungen fiel mir auf, wie schnell ich üblicherweise die – vermeintlich – tote Zeit fülle mit Rumwischen auf meinem Smartphone. Echt vermisst habe ich den Blog von Nicholas Baines, Anglican Bishop of Leeds. Der hilft mir manchmal, Weltereignisse einzuordnen.

Was ich nicht vermisst habe: Tweets von Leuten über andere Leute, die über Trumps Tweets twittern. Verpasst, aber nicht vermisst habe ich möglicherweise «lustige» vorfabrizierte und hundertfach geteilte Sprüche auf Facebook. Dass ich mir die rechten Hass-Tiraden auf Social Media eine Weile nicht angetan habe, tat mir eindeutig gut. Werde ich beibehalten.

Was stattdessen geschah: Ich habe so viel von Hand geschriebene Post erhalten wie seit Jahren nicht mehr. Von Bekannten wie von völlig Unbekannten. Anregendes, Witziges und besorgte Nachfragen. Esthi hat mir ein Osternest geschenkt, darin ein altes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe, damit ich mich nicht allzu einsam fühle.

Ich erhielt viel mehr unangekündigte Besuche als sonst. Ich habe zwei ausgezeichnete Dokumentarfilme gesehen. Einen des Schweizer Regisseurs Stefan Haupt über den Bau der Sagrada Familia in Barcelona und einen über den Vater eines Palästinenserjungen, der nach dessen Erschiessung zulässt, dass seine Organe jüdischen Kindern zugutekommen. Der Film «Das Herz von Jenin» schafft es, diese Geschichte ohne Pathos zu erzählen, Kanten und Ecken bleiben stehen. In meinem normalen Rhythmus hätte ich vermutlich die Geduld für solch ruhig erzählte wahre Geschichten gar nicht gefunden.

Und dann hatte ich einige Begegnungen, die mich sehr bereichert haben. Nicht dass ich sonst keine habe, aber ich nahm sie viel intensiver wahr. Wenn ich jemanden traf, der mich spontan zu einem Kaffee einlud, dann sagte ich nicht wie sonst meist: Ich habe keine Zeit. Ich nahm mir sie. Ich habe es keinen Moment bereut.

Das kleine Experiment war ein Erfolg. Ich nutze das Internet wieder in homöopathischen Dosen.

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