«Ich fühle mich fit und gehe mittlerweile auf die 60 zu. Nun merke ich, wie meine Erektion nachlässt. Ist es normal, dass die Erektionsstärke mit zunehmendem Alter abnimmt?»

Mit steigendem Lebensalter zeigt sich tatsächlich eine Abnahme der Erektionsstärke. Statistisch erfährt jeder zweite Mann ab dem 70. Lebensjahr eine Verschlechterung der Gliedversteifung. Unter erektiler Dysfunktion versteht man die Schwierigkeit, eine für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr notwendige Gliedsteifigkeit zu erlangen oder beizubehalten. Da es sich um ein Tabuthema handelt, suchen jährlich nur 10-20 Prozent der über 50-jährigen Männer einen Arzt auf.

«Welches sind die Gründe für eine Erektionsstörung und was sind die Folgen davon?»

Die Erektion entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel von Nerven, Blutgefässen, Hormonen und Psyche. Bei einer Erektionsstörung liegen in bis zu 70 Prozent der Fälle organische Ursachen vor. So können durch Diabetes oder Cholesterin-Erhöhung auf Gefässebene Veränderungen auftreten. Ebenso sind hormonelle Faktoren entscheidend wie zum Beispiel eine Abnahme des männlichen Hormons Testosteron oder Veränderungen der Schilddrüsenhormone. Bei Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson, Multiple Sklerose, nach Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Traumen kann die Erektionsstärke ebenso abnehmen wie wegen Nikotin-, Drogen-, übermässigem Alkoholkonsum oder wegen Nebenwirkungen von Medikamenten.

In bis zu 30 Prozent der Fälle kann keine organische Ursache gefunden werden, jedoch eine psychische Beeinträchtigung. Im Vordergrund stehen oft berufliche oder partnerschaftliche Stressfaktoren sowie traumatische Erlebnisse mit Versagensängsten. Aus Studien ist bekannt, dass eine Erektionsstörung Vorbote einer Herzkranzgefäss-Erkrankung sein kann («der Penis als Antenne des Herzens»), weshalb eine Standortbestimmung durch den Herzspezialisten zu empfehlen ist. Eine Erektionsstörung sollte also immer ernst genommen und urologisch abgeklärt werden.

«Was gibt es für Möglichkeiten, dass sich meine Erektion wieder verbessert?»

Heutzutage gibt es viele Therapieoptionen. Generell wird eine Lebensstilveränderung durch Minimierung der Risikofaktoren Rauchen, Alkohol und Übergewicht sowie eine sportliche Betätigung empfohlen. Sollte Diabetes vorliegen, ist eine optimale Einstellung der Medikamente erforderlich. Bei Testosteron-Mangel kann ein medikamentöser Ersatz sinnvoll sein. Oft beeinträchtigen Blutdruckmedikamente oder Psychopharmaka die Erektion, sodass eine Umstellung der täglich eingenommenen Medikamente in Rücksprache mit dem Hausarzt angezeigt ist. 1998 kam Viagra für die medikamentöse Behandlung der Erektionsstörung auf den Markt.

Seither wurden Nachfolgepräparate entwickelt, die bezüglich Wirkdauer, Wirkgeschwindigkeit, Einnahmeform und Nebenwirkungen Vorteile haben. Eine interessante Möglichkeit bietet das Universitätsspital Basel mit der Anwendung von extrakorporalen Stosswellen an. Diese Technik wird seit Jahren bei der Zertrümmerung von Nierensteinen angewendet und sorgt durch die mechanische Stimulation des Penis für eine Steigerung der Schwellköperdurchblutung mit einer schlussendlich verbesserten Erektion. Wird eine psychische Ursache der Erektionsstörung vermutet, ist eine Sexualtherapie zu empfehlen.

Sollte mit keiner dieser Massnahmen eine Verbesserung eintreten, kann durch Anwendung von Schwellkörperspritzen, Harnröhrenstäbchen, Vakuumpumpen oder Penisringen eine bessere Erektion erzielt werden. Bei weiterem Therapieversagen kann als «ultima ratio» die operative Einlage eines Schwellkörperimplantats diskutiert werden. Zur Entwicklung eines individuellen Therapiekonzepts ist in jedem Fall das Gespräch mit einem Urologen zu empfehlen.

*Dr. med. Matthias Wimmer ist Oberarzt Urologie am Universitätsspital Basel