Bei uns im Quartier werden alle Wasserleitungen ersetzt. Die sind uralt und brüchig. Eine Tiefbaufirma ist an der Arbeit, orangefarben gekleidete Männer sind in der Hitze am Schuften und Schwitzen. Alles für uns Anwohnende. Eigentlich wollte man bloss die fälligen Leitungen ersetzen. Nun zeigte sich, dass der ganze Strassenpuffer aus belastetem Material besteht.

Vor 80 Jahren war man mangels besseren Wissens echt sorglos. Öl- und Bleirückstände sind im Stein- und Kiesbett drin. Es muss auf ganzer Strassenbreite aufgegraben und das Material korrekt entsorgt werden. Es kommt in einen Spezialofen nach Holland. Die Arbeiten werden sich dahinziehen und der Gemeinde wohl einiges an Mehrkosten verursachen.

Als Pfarrer, der hier im eigenen Haus auch arbeiten sollte, ist der Lärm natürlich mühsam. Besonders in einer Jahreszeit, in der man gerne die Fenster offenhält. Der Bub im Mann hingegen ist begeistert. Da gibt es viel zu schauen und zu beobachten. Es geht mir wie den Schulbuben auf dem Nachhauseweg.

Auch im persönlichen Leben gilt es, hin und wieder recht aufzuräumen, Überholtes und Schadhaftes aus dem eigenen Körper korrekt zu entsorgen. Sei das die jährliche Fastenaktion zum Entschlacken, der vorübergehende Verzicht auf Alkohol und Zucker, damit sich die inneren Organe erholen, das Ausbohren und Entsorgen alter Amalgamfüllungen, das Entfernen des Meniskus oder das Auswechseln des brüchig gewordenen Gelenks. Manchmal wird auch da aus einer geplanten kleineren plötzlich eine grössere Baustelle, eine Generalüberholung. OMG – oh mein Gott!

Es ist wie im Strassenbau: Bricht man die Oberfläche irgendwo auf, kommt Überraschendes zum Vorschein. Jetzt gibt es kein Übersehen und Wegschauen mehr.

Manchmal ist unversehens die Zeit reif, auch Altlasten und brüchig Gewordenes aus der eigenen Biografie abzuarbeiten, um sie wirklich ab- und beiseitelegen zu können. Wir alle erleben in unserem Leben Belastendes, Verletzendes, das auf unseren Seelen und teils versteckt auch in unserem sozialen Leben liegenbleibt. Auch da gilt es, im rechten Moment hinzugucken und mit Aufräumen zu beginnen. Nur wer solches tut, kann vergeben und dann vergessen, anderen Menschen und auch sich selber. Weg damit. Und sich frei machen für Neues.

Vor unserem Haus komme ich mit dem Vorarbeiter ins Gespräch. Er weiss, dass weder Anwohnerschaft noch Bauverwaltung seine Botschaft gerne hören und er sich so keine Freunde macht: Die Bauarbeiten dauern länger und werden teurer.

Bestimmt könnte er auch einfach wegschauen und die Gräben schnell wieder zuschütten. Wir Laien würden das gar nicht bemerken. Aber das kommt für ihn überhaupt nicht infrage, obwohl sein Terminplan in diesem Sommer schon voll ist. Die Altlasten müssen jetzt abgearbeitet und korrekt entsorgt werden. Das seien wir uns selber schuldig, erklärt er mir, und unseren Kindern und Enkeln, die auch eine lebenswerte Zukunft haben möchten. Recht hat er, dieser weise, orangegekleidete Mann vor meinem Haus.

Hinschauen und Aufräumen, Gutes tun, aussen und innen.