Meine Liebe, schon bist du über ein Jahr alt. Was für ein Jahr das war mit dir! Wunderbar. Jetzt kommt bald dein zweites Weihnachtsfest. Was geschah vor 2000 Jahren?

Unsere Vorstellungen sind im Lauf der Jahrhunderte sehr idyllisch geworden. Wir können uns die ärmlichen Verhältnisse kaum ausmalen. Inzwischen suchen viele an Weihnachten etwas, das es ursprünglich gar nicht war: ein Familienfest mit Geschenken, Baum und in Harmonie. Für viele ist diese Zeit allerdings ein riesiger Stress. So unterschiedliche Erwartungen, das muss fast schiefgehen. Wir leben in einer Zeit, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs einigermassen friedlich ist, wenigstens in Europa.

In mancher Hinsicht war das zur Zeit der Geburt von Jesus ähnlich. Unter Kaiser Augustus war der Mittelmeerraum weitgehend befriedet, erkauft durch heftige Kriege mit vielen Toten, unter der Herrschaft eines als Gott verehrten Kaisers. Niemand hat sich zu jener Zeit vorstellen können, dass nach dem Römischen Reich noch etwas anderes kommt.

Wir Menschen überschätzen unseren halbwegs überschaubaren Erlebnishorizont völlig. Darum verdrängen wir auch so erfolgreich die immer schlimmeren Nachrichten über die Erwärmung der Erde. Darum wollen wir nicht wahrhaben, dass wir unseren Planeten unumkehrbar verseuchen. Was will da schon die alte Weihnachts-Geschichte? Sie hat viele Phasen der Weltgeschichte überlebt. Die Geburt dieses Kindes hat Menschen inspiriert, sich einzusetzen für Gerechtigkeit und die Würde jedes Menschen. Lass dich nie von Angst treiben, lass dich begeistern vom Licht der Hoffnung! Jesus ist ja nicht Kind geblieben. Als Erwachsener hat er viele Leben berührt und nachhaltig beeinflusst. Weihnachten ist das Versprechen, dass selbst Verlierer – wie es die Hirten damals waren – fröhlich leben können.

Ein erfülltes Leben ist ein Riesengeschenk und paradoxerweise gleichzeitig Riesenarbeit. So wie dein Leben ein Wunder ist und dabei deinen Eltern grosses Engagement abverlangt. Wir Menschen tendieren immer dazu, das eine, ohne das andere zu wollen. Entweder wollen wir alles nur geschenkt haben – oder dann meinen wir, wir müssten niemandem dankbar sein für unseren Erfolg. Die halbe Wahrheit wird so zu einer grossen Lüge. Ob dieses Wort «Lüge» noch lange existiert? Vielleicht heisst es bald nur noch «Fake News», wer weiss. Ich hoffe allerdings, dass sich immer wieder die Sehnsucht der Menschen nach Wahrheit, nach echter Liebe und engagierter Mitmenschlichkeit durchsetzt.

Mir hat der Glaube immer wieder geholfen, trotz entmutigender Erlebnisse nicht aufzugeben. Ich kann aber auch gut damit leben, wenn du mal aus einem anderen Grund zu ähnlichen Überlegungen und Einsichten kommst. Das meine ich, wenn ich dir frohe Weihnachten wünsche, aus der Tiefe meines Herzens. Ich freue mich auf jeden weiteren Tag, an dem wir uns sehen und miteinander Neues entdecken. Und viel Grund zum gemeinsamen Lachen haben. Das Leben hat noch so viel bereit für uns.

Alles Liebe, dein Grossvater.

*Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.