Persönlich

Welcome back, Normalität! Die Tram-Scharrer sind wieder da

Nicht nur Virologen kriegen bei diesem Anblick Ausschlag: Volles BLT-Tram.

Nicht nur Virologen kriegen bei diesem Anblick Ausschlag: Volles BLT-Tram.

Wir Schweizer mögen Direktheit nicht so sehr. Das stellt uns in gewissen Situationen vor riesige Herausforderungen. Zum Beispiel im Tram – am Fensterplatz.

Corona verdrückt sich. Es sind wieder mehr Leute unterwegs – mit allen Nebenwirkungen. Eine ist das vermehrte Auftreten des Aussteige-Aufmerksamkeitserregungs-Syndroms. Auch Sitzbank-Einschlusspanik genannt.

Das Schauspiel geht so: Jemand sitzt im Tram oder Bus auf einer Zweierbank, aber am Fenster. Ein anderer Passagier gesellt sich dazu. Will die eingeschlossene Person früher aussteigen als ihr Compagnon, muss sie ihm das mitteilen. Da Schweizer generell Missstände nur ungern offen ansprechen, lieber herumdrucksen, behelfen sie sich mit Ausweichstrategien. Auch hier.

Das sieht dann etwa so aus: Schon zwei Stationen vor dem gewünschten Ausstieg fangen die Betroffenen damit an, auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen. Zum Beispiel, indem sie hastig ihre Jacke schliessen, ihre Tasche vom Boden aufheben und wieder ablegen, das Smartphone verriegeln. Bei Fortgeschrittenen beliebt: Die Fersen heben und senken, sodass ein trampelndes Geräusch entsteht. Das Schauspiel dauert so lange an, bis der blockierende Part Mitleid verspürt: «Wollen Sie vielleicht aussteigen?» Die Reaktion: Zusammengekniffene Augen, nervöses Nicken, schuldbewusstes «Ja». Als ich dem Drama das erste Mal wieder beiwohnte nach dem Lockdown, dachte ich mir: Schön, ist sie wieder da, die gute alte Normalität.

Ach ja: Bis es der Sitznachbar begriff, musste ich nur einmal demonstrativ die Zeitung zusammenfalten.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1