Der Witz geht so: Was wünscht man einer 110-jährigen jüdischen Frau zum Geburtstag? Dass sie 120 werde. Und was einer 120-Jährigen? Einen schönen Tag.

«Bis 120!» ist der traditionelle hebräische Geburtstagswunsch. Vor 120 Jahren fand in Basel der erste Zionistenkongress statt. Man könnte Israel nun einfach noch einen schönen Tag wünschen. Doch der Wunsch, das Jubiläum gross zu feiern, hat eher weniger mit dem jüdischen Volksmund zu tun. Vielmehr passte der Jahrestag Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ins politische Konzept. Ein Erinnerungskongress am Ort, wo sich Theodor Herzls Vision zu konkretisieren begann, mit Staatschefs aus aller Welt, wenn möglich US-Präsident Donald Trump inklusive, hätte dem innen- wie aussenpolitisch umstrittenen Politiker zu neuem Glanz verhelfen können.

Allein, es sollte nicht sein. Basel und die Schweiz vermochten das Sicherheitsdispositiv, wohl das umfangreichste, das Basel je gesehen hätte, mangels frühzeitiger und detaillierter Angaben aus Israel nicht rechtzeitig auf die Beine zu stellen. Die föderalen Strukturen brachten auch in diesem Fall einen grossen Koordinationsaufwand mit sich, der sich nicht einfach verordnen liess. Polizeikonkordat, Armee, Nachrichtendienste, Bundespolizei, Grenzschutz, sie alle müssen erst einmal zusammenfinden.

Die Enttäuschung hielt sich in der Folge in Grenzen. Auch in Basel. Vereinzelt war von einer verpassten Chance die Rede, aber eigentlich war man ganz froh, das absehbare Riesenbohai nicht über sich ergehen lassen zu müssen. Zumal man auch mit Pro-Palästina-Demonstrationen hätte rechnen müssen, in deren Windschatten – unvermeidlich der Antisemitismus seine hässliche Fratze gezeigt hätte. Spätestens, wenn der Zionistenkongress sich zum 125. Mal jährt, also ein richtiges Jubiläum feiert, wird das Thema wieder aufs Tapet kommen. Genügend Vorlaufzeit für eine würdige Feier ist jetzt vorhanden. Und eventuell kommen Stadtmarketing und Tourismus Basel dann von selbst auf die Idee, dieses welthistorische Ereignis auf Basler Boden endlich zu nutzen. Easyjet fliegt vom Euroairport direkt nach Tel Aviv. Eigentlich eine Einladung für Israelis, eine Reise nach Basel zu buchen, Herzl inklusive.

Warum eigentlich erinnert so wenig in der Stadt an Theodor Herzl? Es gibt eine Strasse, eine Gedenktafel im Stadtcasino und das berühmte Bild, das Herzl auf dem Balkon des Hotels «Trois Rois» zeigt, wie er auf den Rhein blickt. Weil er in Wien gelebt hat? Weil man in Basel halt gerne das Understatement pflegt und man es nicht mag, jemanden auf den Sockel zu heben? Oder gibt es allenfalls andere Gründe?

Hat man etwa ein schlechtes Gewissen den Juden gegenüber, die auch hier nicht immer gleich willkommen waren? Haben sich antisemitische Regungen so tief eingebrannt, dass man sie selbst gar nicht mehr wahrnimmt? Gibt es einen Zusammenhang mit der überdurchschnittlichen Auswanderungsquote von Basler Juden nach Israel? Eindeutig ist die Antwort nicht. Tatsache ist aber, dass sich Basel, das sich so gerne der Nabelschau widmet, seiner Bedeutung nicht bewusst ist – und damit des touristischen und politischen Kapitals, das auch 120 Jahre nach dem ersten Zionistenkongress erschlossen werden könnte.

Basel pflegt Städtepartnerschaften mit Schanghai und Miami Beach (wo zufällig ein Ableger der Art Basel stattfindet) sowie eine Staatspartnerschaft mit Massachusetts. Warum nicht Jerusalem, Tel Aviv oder gleich Israel? Man macht sich deshalb nicht mit jeder fragwürdigen politischen Entscheidung gemein. Wäre das so, hätte man mit der chinesischen Grossstadt gar nicht erst anbandeln dürfen. Im Gegenteil, man lernt sich kennen und verstehen und kann im ganz Kleinen vielleicht auch einmal Einfluss nehmen.

Gerade einer saturierten rot-grünen Stadt würde es gut anstehen, wenn ihre Politikerinnen und Politiker erfahren, wie es ist, in ständiger Bedrohung zu leben – und trotzdem Lebensfreude zu versprühen. Die unsäglichen Aufrufe zum Boykott israelischer Produkte, die zwar nur wenig, aber noch immer zu viel Widerhall finden, würden wohl sofort verstummen. Es nützt den Palästinensern, denen alle Fürsorge gilt, gar nichts, wenn in Westeuropa die Losung «Kauft nicht bei Juden» eine Neuauflage erfährt.

Wohlgemerkt, man darf und muss Netanjahu und Co kritisieren, aber immer unter Einbezug der traurigen Tatsache, dass arabische Extremisten (und leider nicht nur die) das Existenzrecht Israels verneinen und sogar die Vernichtung des Landes fordern. Zugegeben, die Möglichkeiten, ein friedliches Miteinander im Nahen Osten zu erreichen, sind beschränkt. Daran sind schon ganz andere Kaliber gescheitert. Aber Herzls Erbe, das untrennbar mit Basel verbunden ist, dürfte schon auch als Verpflichtung verstanden werden.