Werden wir, älter werdend, nicht ohnehin wieder wie die Kinder? Wir sind wieder vermehrter Zuwendung bedürftig, wir verlieren zusehends die Beherrschung über die normalen Körperfunktionen, überall muss uns wieder geholfen werden und wir reagieren trotzig, wenn man uns etwas nicht zutraut. Das kann es nicht sein, was das Bibelwort von uns fordert.

Etwas anderes verbindet Kinder und Alte: die Genügsamkeit, die Freude am Unscheinbaren, an den elementaren Lebensvollzügen als solchen. In der Mitte des Lebens hat man dafür keinen Sinn. Alles ist dann Mittel zum Zweck, zur Erreichung hoher Lebensziele. Zum Beispiel: Spazierengehen. «Eigentlich habe ich dafür gar keine Zeit! Können wir nicht etwas schneller gehen? Musst du überall stehen bleiben? Was gibt’s da zu schauen? Nun, vielleicht tut mir’s ja auch mal ganz gut dazwischen – zum Abschalten quasi.» Doch wie dem Kind schon das Gehen selbst Freude bereiten kann (sodass aus ihm ein Hüpfen und Tänzeln wird), weil es ihm noch nicht selbstverständlich geworden ist, so gewinnt es auch für den alten Menschen eine Bedeutung zurück, denn ihm ist es nicht mehr selbstverständlich.

Die Kunst der Kindwerdung (und für den alternden Menschen ist dies jetzt eine Kunst, die sich nicht von selbst versteht und im Übrigen mit der Kunst des Altwerdens zusammenfällt) besteht also unter diesem Aspekt darin, das Selbstverständliche nicht selbstverständlich, sondern vielmehr aller Beachtung, Liebe und Zuwendung wert zu finden. Es gibt auch alternde Menschen, denen dies nicht so ohne weiteres gelingt, indem die Massstäbe des mittleren Alters in Geltung bleiben und infolgedessen überall vor allem die Einbussen schmerzlich bewusst werden.

Wo sich dieser Sinn für den Wert des Unscheinbaren und Elementaren einstellt und damit die Brücke zur Kindheit zurück geschlagen wird, da kann auch eine andere Eigenschaft gedeihen, die ebenfalls Kindheit und Alter verbindet: die unmittelbare, direkte, unkomplizierte Art. Es kommt ja nicht selten vor, dass Kinder angesichts der Probleme von Erwachsenen ganz einfache Lösungen vorschlagen, auf welche diese allein wohl nie gekommen wären. Weshalb nicht? Weil die Erwachsenen in eine Vielzahl verschiedener Zusammenhänge verstrickt sind, die zugleich zu berücksichtigen sie sich verpflichtet sehen. Die einfache Lösung kann es da nicht geben – und plötzlich schlägt ein Kind eine vor. Zuerst reagiert man mit Abwehr: «Das verstehst du noch nicht – weisst du, ich muss da an ganz vieles und viele gleichzeitig denken …»

Aber dann kann es passieren, dass man plötzlich innehält: Im Grunde hat das Kind einfach eine klare Entscheidung getroffen, was wichtig ist und was nicht, und genau an dieser klaren Entscheidung hat es dem Erwachsenen gefehlt. Sofern dieser sich einen kindlichen Sinn zurückgewinnt, blendet er die verschiedenen Perspektiven, die ihm gegenwärtig sind, nicht aus. Aber er hat (wieder) gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.

Machen eine neuerworbene Kindlichkeit und Spontaneität mit dem Sinn fürs Elementare und Wesentliche nicht auch den echten Philosophen aus? Angesichts des Überangebots an Information könnte darin eine Stärke liegen.