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Wenn Moses eine Frau gehabt hätte …

(Symbolbild)

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OMG zu Geschlechter-Klischees aus Bibel und Gegenwart. Zum Autor: Thierry Moosbrugger ist Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit in der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt und Baselland.

Kürzlich erzählte mir ein Freund seinen Lieblingswitz: «Weisst du, was gewesen wäre, wenn Moses in der Wüste seine Frau dabei gehabt hätte? – Sie hätte nach dem Weg gefragt!»

Der Freund ist kein Pfarrer, auch wenn er mir schon «moralische Wege» gewiesen hat, dafür sind Freunde ja da. Und klar ist auch, Witze sollte man grundsätzlich nicht erklären. Trotzdem muss ich hier einen Fehler meines Freundes aufklären: Moses hatte nämlich sehr wohl eine Frau. Sie hiess Zippora und war eine so genannte «Fremdgläubige». Und drittens: Die Irr-Wanderung der Israeliten durch die Wüste dauerte laut Bibel 430 Jahre, also schlicht ewig.

Zippora wird dabei nie erwähnt. Das kann darauf hindeuten, dass Zippora gar nicht dabei war. Jüdische Theologen interpretieren es aber meist anders, wenn Ehefrauen nicht erwähnt werden: Wenn Moses seine Frau verlassen oder verloren hätte, wäre das wohl erzählt worden, weil es aussergewöhnlich war. Da Zippora nicht erwähnt wird, müsse man also annehmen, dass sie natürlicherweise auch dabei gewesen sei, aber eben nie etwas zu sagen hatte, sondern ihren Mann im Hintergrund versorgte und nach aussen unsichtbar blieb.

Wenn diese Details geklärt sind, können wir uns dem Kern des Witzes zuwenden. Den sollte man zwar ebenfalls nicht erklären, und das tu ich jetzt auch nicht. Denn im Verkehr, beim Wandern, bei Emotionsstau oder in einer fremden Stadt kennen wir die Situation und deren witzige Zuspitzung.

Einfach mal losfahren, wir werden schon ankommen, Handeln damit gehandelt ist, einfach der Nase nach, vorwärts drauflos, egal was im Weg ist und nebendran, beim Hobeln fallen halt die Späne - das gilt als klassisch mannhaftes Verhalten. Mit durchgestreckter Brust, meistens laut, Eindruck schindend, beängstigend. Und natürlich gibt es auch weibliche Ausprägungen davon: Die Furien aus den griechischen Sagen sind kein bisschen weniger furchteinflössend. Hauptsache immer in Bewegung, bloss nicht innehalten, Vollgas, das gibt ein rauschhaftes Gefühl von blendender Aktivität. Das schüttet Adrenalin aus und gibt danach eine friedliche Entspannung. Ob der Weg so ans Ziel führt, gerät dabei zur Nebensache, Kollateralschäden ebenfalls. Die Weltgeschichte ist voll von solchen «Siegern».

Und natürlich: Auf solchen Irrwegen erlebt man viele wundersame Geschichten, Umwege erhöhen die Ortskenntnis, sagt man. Also los und draufgehalten, es warten Wunden und Wunder, und auch Schmerzen lassen mich spüren, dass ich existiere, nicht?

Dahingegen: Innehalten, sich bremsen, überlegen, Einheimische fragen, ob man auf dem richtigen Weg ist, das gilt als weiblich, nur etwas für Warmduscher … Halt: WarmduscherINNEN natürlich!

Mir gefällt diese Vorstellung jedoch durchaus: Hätte Zippora die Juden durch die Wüste geführt, sie hätte nach dem Weg gefragt, wäre nach drei Jahren im gelobten Land angekommen und hätte die abgekämpfte Moses-Schar dann entspannt im Liegestuhl liegend bei einem Cocktail empfangen. Nach einer warmen Dusche natürlich.

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