Wenn ich mich selbst vorstellen muss, zeige ich mich meistens von meiner schlechtesten Seite. Ich fühle mich dann wie aus dem Leben gerissen. Darauf reagiere ich manchmal verlegen, manchmal überheblich, jedenfalls ist für jeden sofort erkenntlich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Wenn ich mich selbst vorstellen muss, dann werde ich anders, als ich eigentlich bin. Wenn ich mich selbst vorstellen muss, dann stelle ich mich nicht so vor, wie es eigentlich stimmig wäre.

Aber wie sollte ich mich selbst eigentlich vorstellen? Mit der Beantwortung dieser Frage verdienen ganze Beraterszenen ihren Lebensunterhalt. Dabei können sie mir auch nicht weiterhelfen. Denn es geht gar nicht darum, dass es mir an Selbstvertrauen oder Zurückhaltung, an sprachlichem Geschick oder menschlichem Gespür mangelt (wo das der Fall wäre, könnten sie mir weiterhelfen). Nein, es geht darum, dass es auf gewisse Weise unmöglich erscheint, sich auf sich selbst zu beziehen, sich selbst vorzustellen. Wer ich selbst bin, entzieht sich meiner Vorstellung. Ich bin mir selbst längst unvorstellbar geworden.

Das Problem, sich selbst vor anderen und für andere vorzustellen, habe nicht nur ich. Ich kenne auch kaum einen anderen, dessen Vorstellung ich stimmig fand, besonders dann nicht, wenn ich ihn bereits besser kannte oder später besser kennenlernte. Wer sich selbst vorstellen muss, der sucht Halt in Zahlen, Daten, Fakten. Er versucht, sich selbst zu versachlichen. Selbst die Lebensgeschichten, die dabei erzählt werden, tragen diesen Charakter. Sich selbst vorzustellen scheint das unmögliche Unterfangen, sich selbst vor anderen und für andere zu versachlichen.

Der Wunsch, sich selbst zu versachlichen, entspringt der Hoffnung, auf der sicheren Seite zu sein. Er spiegelt sich in möglichst lückenlosen tabellarischen Lebensläufen und möglichst ansehnlichen Vorstellungsrunden. Dabei verliere ich mich selbst aus dem Blick, wenn ich mich so anblicke. Ich bin angesichts der anderen immerzu ein anderer. Die anderen beleben mich. Und wenn ich diese Lebendigkeit zugunsten einer Sachlichkeit aufgebe, dann werde ich weder mir selbst noch den anderen gerecht.

Wenn ich mich selbst vorstellen muss, und erst recht, wenn ich mich auf diese Vorstellung auch noch akribisch vorbereite, dann entziehe ich mich der Situation, in der ich eigentlich aufgehen will. Ich präsentiere mich dann den anderen, ohne dabei selbst präsent zu sein.

Ich bin eine Rechnung, die nicht aufgeht, aber ich gehe dabei auf, auf andere einzugehen. Ich kann mich selbst nicht ohne die anderen vorstellen, denn ich lebe nicht ohne die anderen. Ich will mich nicht vor andere stellen, sondern sie sehen und von ihnen wahrgenommen werden.

Dies gelingt immer wieder, wenn ich ganz und gar auf meine Sache verzichte und die Anwesenheit der anderen zu meiner Aufgabe mache. Es ist mir dann möglich, für den einen verbindenden Moment aufzuwachen, der mich hier und jetzt mit den anderen zusammenführt.

Wenn mir dies gelingt, dann erfahre ich tatsächlich etwas – und zwar etwas Neues – über mich selbst und die anderen. Dann entsteht ein wirklicher, gemeinsamer Raum. Dann entsteht Präsenz. Ich bin dann selbst präsent, wenn ich für die anderen präsent bin.