Ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Basler Klima-Kundgebungen – im Verhältnis zur Grösse der Stadt – viel kleiner sind als in anderen Regionen? In Bern, zum Beispiel, gingen am 15. März rund 8'000 Menschen auf die Strasse. Im doppelt so grossen Basel waren es 2'000. Natürlich ist auch dies ein beachtlicher Erfolg. Doch selbst Bellinzona und Winterthur zählten je 4'500 Teilnehmende. In Lausanne protestierten 10'000, und in Zürich forderten 12'000 Personen «Null CO2 bis 2030». Die Mobilisierung war also anderswo, gemessen an der Einwohnerzahl, drei bis sechs Mal stärker als in Basel.

Ratlosigkeit herrscht weitherum bei der Interpretation dieser Zahlen. Dies vor allem angesichts des rot-grünen Erdrutschsieges bei den Landratswahlen vom 31. März: Trotz relativ schwacher Mobilisierung an den regionalen Klimademos, erzielten vor allem junge Grüne im Baselbiet Spitzenresultate. Umgekehrt im Tessin. Während die Klimademo in Bellinzona ein Grosserfolg war, stagnierten die Grünen bei den Grossratswahlen zwei Wochen später auf tiefem Niveau.
Offenbar ticken die jugendpolitischen Uhren je nach Kanton sehr unterschiedlich – und dies vor allem in einem Punkt: In der Nordwestschweiz scheint das politische und gesellschaftliche System viel durchlässiger zu sein als in anderen Regionen. Es reagiert viel schneller auf sich wandelnde Bedürfnisse der Jugend. Und junge Menschen trauen sich, institutionelle Machtansprüche zu stellen. Sei es in der Schule, im Parlament, in Vereinen oder auch in kulturellen Einrichtungen.

Fachleute bestätigen: Kaum ein Kanton engagiert sich so sehr für seine Jugend wie Basel-Stadt. Angefangen beim Kinderbüro bis zur Förderung der Jugendkultur mit dem Jungen Theater oder Festivals wie BScene und Imagine. Weitere Beispiele: Die Kinder- und Jugendangebote der GGG Bibliotheken, die Kinderprogramme der Fondation Beyeler, die offene Jugendarbeit, wie sie die JuAr betreibt, oder die Schulen, die sozial durchlässig gestaltet sind. Die Wirtschaftsverbände und ihre Mitglieder investieren überdurchschnittlich viel in die Berufsbildung. Quartierzentren, Vereine, der Lotteriefonds und Fasnachtscliquen halten die Türen für junge Leute weit offen. Von all dem profitiert auch die Baselbieter Jugend, die in manchen Gemeinden zusätzlich stark gefördert wird.

So hat sich in der Region Basel eine Jugendkultur oder vielmehr: eine Kultur mit der Jugend entwickelt, die ihresgleichen sucht. Da ist es logisch, dass der Marsch durch die Institutionen hierzulande aussichtsreicher erscheint als der Protestmarsch durch die Gassen der Stadt. Vielsagend ist auch, dass sich in Bern, Zürich, Lausanne und gar in Luzern die radikale Variante der Klimajugend zurzeit rasch ausbreitet: Die farbigen Fahnen der «Extinction Rebellion»-Bewegung, kurz «XR» genannt, werben auch vor dem Bundeshaus für einen Volksaufstand.

Am Rheinknie hingegen, gibt es die von Grossbritannien inspirierte «XR» überhaupt nicht. Hier weht ein anderer Wind: Es sind die Jungparteien, die überdurchschnittlich wachsen. Sie fordern das lokale Politiksystem parlamentarisch heraus. Die etablierten Kräfte bekommen so eine weitere Chance, Flexibilität zu zeigen und den «braven» Basler Weg mit der raschen Umsetzung konkreter Klimaschutz-Massnahmen zu honorieren.