«Ich bin schwer krank, bekomme aber von meinem Arzt Medikamente, sodass ich ganz ordentlich leben kann. Was bleibt, sind Vorstellungen, Bilder und Ängste, die mich plagen. Zum Glück kann ich sie seit Jahren mit meiner Psychotherapeutin besprechen; das hilft mir jeweils enorm. Zunehmend habe ich nun aber Hemmungen, sie mit all den schwierigen Gefühlen zu belasten. Wie kommt sie wohl damit zurecht? Ich habe Angst, sie schickt mich eines Tages weg, wenn es ihr zu viel wird. Soll ich, um sie zu schonen, die Therapeutin wechseln?»

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Die Belastung, von der Sie berichten, ist offensichtlich gravierend – für einen Lebenspartner oder für den Freundeskreis vielleicht fast genauso unerträglich wie für Sie. Für eine Therapeutin bedeutet sie aber etwas anderes: Es ist ihre Arbeit, sie mit Ihnen zusammen zu entschlüsseln und in einen Lebenszusammenhang zu stellen. Damit gelangt sie nicht zwingend an die Grenze zur Überforderung. Sie ist von ihrer Ausbildung her darauf vorbereitet, sie hat Erfahrung mit anderen PatientInnen und sie hat gelernt, bei aller Anteilnahme, in etwas innerer Distanz zu bleiben.

Das wichtigste Heilmittel in einer Behandlung ist die therapeutische Beziehung, das heisst: alles was zwischen Ihnen und Ihrer Therapeutin geschieht. Folglich muss dieses Geschehen sorgfältig gepflegt und überdacht werden. Grösstenteils macht dies die Psychotherapeutin alleine, indem sie sich nach der Sitzung Zeit nimmt, alles Gesprochene und Erlebte nochmals durchzudenken, Einfälle zuzulassen und Ideen dazu zu entwickeln. Ihre Therapeutin hat gewiss noch eine andere Stütze: Wie fast alle PsychotherapeutInnen reflektiert sie vermutlich die Qualität ihrer Arbeit in einer Supervision. Dort schildert sie einer erfahrenen Kollegin den Verlauf der Therapie, ihre Beobachtungen, Gefühle, Überlegungen und Einfälle dazu. Zusammen besprechen die beiden Berufsleute die Therapiesitzungen, stellen theoretische Überlegungen an, prüfen Hypothesen und erarbeiten damit einen neuen Zusammenhang, um die Phänomene zu verstehen. Es bedeutet keineswegs eine Schwäche, mangelnde Kenntnisse, Blockierungen, blinde Flecken und eigene Probleme gemeinsam mit jemand Aussenstehenden zu erkennen und in ihrer ganzen Komplexität zu besprechen. So kann die Therapeutin, angereichert mit neuen Erkenntnissen, an die Arbeit in ihr Sprechzimmer zurückkehren. Ihre Arbeitsfähigkeit wird mit diesem selbstverständlichen Mittel zum Nutzen der PatientInnen ständig auf hohem Niveau aufrechterhalten.

Ihre Sorge um die Belastbarkeit der Therapeutin weist einerseits auf Ihr Gefühl der Fürsorge für sie hin. Andererseits deuten Sie auch vage Zweifel an den Fähigkeiten der Therapeutin an. Empfinden Sie sie eventuell Ihrer Problematik nicht (mehr) gewachsen? Schonen müssen Sie sie sicher nicht, schliesslich ist es ihre Arbeit, und sie wird unter anderem ja auch dafür bezahlt, Schwierigkeiten auszuhalten. Möchten Sie gerne sich selbst schonen und einem offenen Gespräch ausweichen, weil Sie Angst vor der Reaktion haben, vor dem Weggeschickt-Werden? Die Therapeutin zu wechseln, bringt Sie nicht weiter, es wäre vorprogrammiert, dass sich Ihre Befürchtungen wiederholen. Nach so vielen Jahren guter Zusammenarbeit empfehle ich Ihnen, auch die jetzigen schwierigen Gefühle mit der Therapeutin zu besprechen und ihr zuzumuten. Über Ihre Hemmungen zu sprechen, verändert möglicherweise Ihre Sicht auf die gestellte Frage und kann Ihnen einen neuen Weg in der Entwicklung eröffnen.