Ich begehe nun einen Tabubruch, und somit kann sich ein Teil der Leserinnen und Leser extrem über mich aufregen: Ich spiele das Militär gegen die Kultur aus. Wir wollen in den nächsten zehn Jahren für rund 30 Milliarden Franken je nach Variante 20, 30 oder 70 neue Kampfjets für unsere Armee zum Schutze der 41 000 km2 grossen Schweiz beschaffen. Demgegenüber verfügt das Bundesamt für Kultur – zuständig für Museen, Film- und Literaturförderung, Biennale, Pro Helvetia und Aussenstellen – über ein Budget von 300 Millionen Franken pro Jahr.

Die Migros schüttet ihr Kulturprozent aus, der Bund mit seinem Budget von gegen 70 Milliarden schafft es nicht einmal auf ein halbes Prozent. Nun wissen wir, dass Kultur nur subsidiär Bundessache ist und vor allem die Kantone dafür gerade stehen müssen. Als ehemaliger Landrat muss ich sagen: Auch im Kanton Baselland hat Kultur und vor allem die damit verbundenen Ausgaben überhaupt keine Bedeutung.

Militärausgaben sind eine Art Versicherung gegen den bösen Feind. Wie man diesen Feind mit modernsten Kampfjets bekämpfen soll, stellt mich als einfachen Bürger vor ein Rätsel. Die Vorstellung, dass der Terrorismus mit Kampfjets am Himmel bekämpft werden kann, erschliesst sich mir nicht; genauso wenig wie damals, als wir als Soldaten atomsichere Unterstände graben mussten, aber kein Mensch mir erklären konnte, was passiert, wenn die Druckwelle der Atombombe überstanden ist, und wir in einer verstrahlten Umgebung überleben sollten.

Selbst wenn der Terrorismus in ein 9/11 mündet – auch dagegen nützen Kampfjets nichts. Mir kommt das so vor, obwohl ich bürgerlich eingestellt bin, wie wenn man einen Ferrari Testarossa kaufen möchte, um bei der Freundin ein bisschen Eindruck zu schinden.

Wer neue Kampfjets hat, kann ein Harry-Hasler-Gefühl gegenüber den umliegenden Ländern ausleben. Den Russen macht das keinen Eindruck. Aber wieso wollen wir Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland die Harry-Hasler-Brust zeigen? Die Nachbarn ticken wie wir und stellen keine echte Bedrohung dar. Niemand kann mich davon überzeugen, 30 Milliarden Franken nur für die nachbarschaftliche Solidarität auszugeben.

Demgegenüber erhält die Denkmalpflege in der Schweiz durch das Parlament gerade mal 30 Millionen Franken. Zum Vergleich: Wer 100 Franken in der Hand hält, wirft 30 Rappen in den Topf. Wir geben Hunderte von Millionen für die Tourismusförderung aus und werben mit dem Basler Münster, der Stiftsbibliothek in St. Gallen oder der Kapellbrücke in Luzern. Gleichzeitig verlottern in den schönen Landschaften Scheunen und alte Gebäude – genau dort, wo wir für den Tourismus werben.

Wissen Sie, wie viele Gebäude man mit 30 Millionen Franken für die Denkmalpflege in der ganzen Schweiz unterhalten kann? Fast gar keine! Ich provoziere hier mit voller Absicht: Ein paar Piloten kutschieren für 30 Milliarden im Schweizer Luftraum herum und demonstrieren damit allen Skifahrern und Wanderern: Wir sind auch noch da. Aber unten in den Alpentälern, in den Dörfern und Städten, und nicht zuletzt im Kanton Baselland, verlottert wertvolles Kulturgut. Filme können in der Schweiz wegen der lächerlich geringen Förderung nur mit grösster Mühe produziert werden.

Aber alle träumen von einem Oscar für den besten ausländischen Film. Für mich stimmen die Verhältnisse nicht. Man betreibt teure Militärpolitik, als ob wir Schweizer noch Neandertaler wären. Dabei stehen wir heute kulturell an einer anderen Schwelle als noch im 15. Jahrhundert, als Schweizer Söldner in ausländischen Heeren mit Hellebarden auf irgendwelche Ritter und Landsknechte einprügelten. Es ist Zeit, dass sich unsere Bevölkerung fragt, wie viel Neandertaler wir noch in uns allen bewahren möchten.

Fazit: Dem Geschäft mit der Angst, das 30 Milliarden Franken schwer ist, steht der lächerliche Kulturbeitrag von 300 Millionen Franken gegenüber, wobei die Denkmalpflege bloss 30 Milliönchen Franken pro Jahr einsetzen kann. Höchste Zeit, sich wieder einmal grundlegende Überlegungen über Grössenordnungen und Verhältnisblödsinn zu machen.