Herzstück

Wo liegt Heimat?

Die Ausstellung Heimat im Stapferhaus in Lenzburg.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück über die Frage, was es braucht, damit wir uns daheim fühlen.

Ferienzeit. Kindheitserinnerungen: Simmental oder Tessin. Später Dänemark, mit einem Vater, der immer in Eile war. Wir Söhne zählten die überholten Autos mit Strichen in Schulheften. Ich hatte auch in den besten Ferien oft Heimweh. Sehnsucht nach Sicherheit, wenn es blitzte und donnerte im Tessin. Angst im Pfadilager, dass die anderen merken, wie schnell ich Angst habe. In Dänemark zählte ich die Tage bis zur Heimreise. Was genau vermisste ich? Heimat?

Im Stapferhaus in Lenzburg besuchte ich mit meiner ältesten Tochter die Ausstellung «Heimat – eine Grenzerfahrung». Ich sage hier nur das: Gehen Sie in diese Ausstellung, die vielmehr ein Abenteuer ist mit vielen Überraschungen. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht über einen Aspekt daraus nachdenke.

Ich schreibe dies in Schweden. Ich bin zum ersten Mal hier. Schweden ist ein Land, das nicht so furchtbar weit weg ist von der Schweiz. Das kann auch nicht so sehr anders sein als meine Heimat. Dachte ich. Die Menschen sind sehr freundlich. Vor allem wenn ich sage, dass dies meine ersten Tage im Land sind. Viele verstehen Englisch. Mir wird erklärt, wie was funktioniert beim Einkaufen. Wo das Rückgeld herauskommt, wenn man so unvorsichtig ist und bar bezahlt. Eigentlich wird hier alles mit der Karte bezahlt, auch der Parkometer und die Kollekte in der Kirche. Wirklich!

Die Velowege sind vorbildlich, die Autofahrer halten sich streng an die rigorosen Tempolimiten. Lichthupen und Drängeln sind völlig out. Als Ausländer spürte ich erst leichte Ungeduld hinter mir, als ich beim Flaschenzurückgeben die Flaschen falsch in den schwedisch angeschriebenen Automaten legte. Ich kam mir vor wie ein Kind, das die Erwachsenen nicht versteht und die einfachsten Dinge im Leben nicht checkt. Mit anderen Worten: Wie ein Ausländer sich in der Schweiz vorkommen muss. Oder ein älterer Mensch, der mit all den technischen Neuheiten nicht mehr klarkommt. Rebecca, meine Gastgeberin, sagt: «Heimat ist für mich am ehesten das Haus meines Vaters. Nach der Scheidung zog meine Mutter aus und ich lebte bei beiden, zog oft um.»

Rebeccas Freunde sagen: «Du hast kein wirkliches Zuhause, weil du so viele hattest.» Sie empfindet das auch so, obwohl ihre verschiedenen «Heimaten» nur 35 Minuten auseinander lagen. Amel, Gast im Haus wie ich, Ärztin in Schweden, sagt: «Mein Zuhause ist in Finnland und in Tunesien, wo je ein Elternteil herkommt. In Schweden wohne und arbeite ich, fühle mich aber nicht wirklich daheim. Wenn ich heim nach Finnland oder Tunesien gehe, sagen sie: Du bist Schwedin.»

Jetzt bin also ich Schweizer in der Heimat anderer Menschen und entdecke, dass «Heimat» noch viel komplizierter ist, als ich dachte. Heimat/keine Heimat im Umkreis von 35 Minuten oder in 3000 Kilometer Abstand. Was ist Heimat für mich? Was ist Heimat für Sie? Was vermissen Sie, wenn Sie weg sind? Orte? Menschen? Gerüche? Töne? Wer vermisst Sie, wenn Sie weg sind? Mein Rat: Gehen Sie nach Lenzburg. Sie werden Ihre Heimat neu sehen.

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