Stadt versus Land

Wo sind die Open Airs besser, auf dem Land oder in der Stadt?

Wo sind die Openairs besser? In der Stadt oder auf dem Land?

Wo sind die Openairs besser? In der Stadt oder auf dem Land?

Der Festival-Sommer beginnt. Allenthalben werden Open Airs veranstaltet, auf dem Land, aber immer mehr auch in der Stadt. Ist das gut so? Ein klarer Fall für ein innerredaktionelles Kreuzen der ganz scharfen Klingen.

Der wahre Open-Air-Genuss braucht die Wildnis des Landes

Städtische Freiluft-Musikveranstaltungen in allen Ehren. Aber zu einem Open-Air-Erlebnis gehören Schlamm und Schmerzen

Alleine, dass man sich fragt, ob Open Airs in eine Stadt gehören, zeigt: Es geht was. Bis vor wenigen Jahren, da verstand man unter Open Air in Basel noch Anlässe wie «Em Bebbi sy Jazz», wo der weisse Schnauzträger mal für ein paar Stunden seinen inneren Louis Armstrong befreien darf, bunte Hemden trägt, mitsingt, mitwippt und es generell sauglatt hat. Nun aber drängen die Freiluftfestivals immer mehr in die Stadt, angefangen bei Jugendkultur und Im Fluss bis zum Open Air Basel.

Geht das? Ja, aber warum eigentlich. Open Air, das heisst doch nicht auf trockenen Pflastersteinen sitzend Laurin Buser zu lauschen und dann wieder nach Hause zu Mami gehen und ihr die leicht angestaubten Markenjeans in die Wäsche geben! Das mag ja nett sein, genauso wie auf den Treppen am Kleinbasler Rheinufer zusammen mit 2000 schluchzenden Primarlehrerinnen feuerzeugschwenkend Sina oder Patent Ochsner zu ertragen.

Leute, was ist mit Euch los? Open Air, das heisst Wacken, Woodstock, Wollishofen. Das heisst: alle Getränke gehen, aber doch sicher nicht Prosecco aus einem echten Glas! Open Air, das heisst auf dem harten Boden des Gurten nächtigen. Oder in Interlakens Schlamm am Greenfield zu versumpfen.

Bis zur Besinnungslosigkeit Bands wie «Kreator» oder «Unzucht» zuzujubeln. Und nach drei Tagen das Zelt und die Kleider verbrennen, weil sie ohnehin für alle Zeiten ruiniert sind. Dann gilt es, mit schmerzendem Rücken, übersäuertem Magen und müdem Kopf an irgendeinen Provinzbahnhof zu torkeln.

Ein Open Air in der Stadt, das ist viel zu kultiviert, zu sauber, zu ordentlich. Und zu einfach erreichbar. Nein, gewisse Dinge, das gibt hier auch der härteste aller Stadtfans zu, die kann man nur auf dem Land erleben. Fern der Zivilisation, da wo das Wasser noch kalt in die Viehtränke sprudelt, statt lauwarm aus der Regenwalddusche zu rieseln.

Als Angewöhnung kann der verweichlichte Städter ja mal ans Summerstage in der Grün 80 gehen, dort zwei Stunden im sorgsam gestutzten Gras liegen und dann das schlaffe Kreuz auf dem heimischen Bockspringbett ausruhen gehen. Aber das Endziel muss heissen: Sonnenbrand, Tinnitus und Schlammschlacht im Zelt.

Open Air ist eine Frage der Einstellung, nicht der Lokalität

Rock ’n’ Roll lässt sich mit gemütlich nur schwer vereinbaren. Aber wer es schmutzig mag, kommt auch in der Stadt auf seine Kosten.

In einem Punkt gebe ich dem Kollegen Drechsler recht: «Em Bebbi sy Jazz» als Open Air zu bezeichnen, nur weil es draussen stattfindet, grenzt an Blasphemie. Auch ich wate da lieber im knietiefen Schlamm durch die pogende Menge am Greenfield. Dennoch ist ein Kuhdorf-Schauplatz noch keine Garantie für ein bünzlifreies Wochenende.

Denn neuerdings überfluten Natur-Hipster mit ihren Wurfzelten und faltbaren Feuerschalen allerorts Festivalgelände, halten am Konzert zum Föttele ihr iPad hoch und nuckeln an ihrem veganen Dosen-Aperol-Spritz, während sie das letzte Selfie auf Facebook laden. Ja, die haben noch Akku, weil sie ihre verdammte Powerbank im Stoffturnsäckli mitschleppen.

Vielleich muss man ein Baselbieter Agglo-Kind sein, um die schmutzigen Seiten der Stadt richtig zu würdigen. Bekanntlich exportieren wir ja auch Delinquenz nach Basel-Stadt. Da wissen wir auch, wie man es an einem Stadt-Open-Air krachen lässt. Prosecco am Klosterbergfest ist schön und gut, aber was gibt es Schöneres, als sich am JKF direkt aus dem Tram in die tobende Menge auf dem Barfi zu stürzen und im Übermut des Vollsuffs die Shotgläser auf das Kopfsteinpflaster zu pfeffern?

Dann fliegt man durch die Meute voller bekannter Gesichter und den Geruch nach Bier, Schweiss und Sonnencreme von einer Bühne zur nächsten und findet sich später mit dem Bassisten von – welche Band wars noch gleich? – wild knutschend in der Theaterpassage wieder.

Dem Hungerloch beugt man mit dem fettigen Asia-Food von der Fressmeile vor. Und schliesslich, um fünf Uhr morgens, wenn man no laaaang nid hei will, genehmigt man sich noch den Absacker in der Excali-Bar und schreit sich zum guten alten «Highway to Hell» aus der Jukebox die Seele aus dem Leib, bis die Stimmbänder vollends aufgeben.

Im Gegensatz zum Bad-Hinterpfupfigen-Air kriecht man dann nach einem grossen schwarzen Kaffee aus der ersten Bäckerei, die morgens öffnet, nach Hause ins Bett. Immerhin kann man für die nächste Festivalnacht das Outfit wechseln, damit einen der lahme Bassist von gestern nicht erkennt, wenn man sich den heissen Drummer vornimmt.

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