Der Verkauf der Firma Actelion diese Woche ist in verschiedener Hinsicht spektakulär. Denn es ist das erste Startup-Unternehmen in der Schweiz, das einen derart hohen Preis erzielt: 30 Milliarden Dollar.

Doch das ist nur die finanzielle Seite. Denn die Firma wird aufgeteilt in einen «Umsatzbereich», welche der US-Konzern Johnson&Johnson übernimmt. Das eigentlich Spannende am Deal ist, dass der Forschungs- und Entwicklungsbereich ausgegliedert und mit einem Startkapital von 1000 Millionen ausstaffiert wird.

Konkret heisst das, dass in Allschwil 600 Forscherinnen und Forscher loslegen können, und zwar schon heute auf einem wissenschaftlichen Top-Niveau. Das alleine ist als Fakt sehr spannend. Der Grund für diese Abspaltung: Die Actelion-Gründer, allen voran Martine und Jean-Paul Clozel, wollen die Forschung retten, für die es nach ihrer Ansicht keine Perspektive gegeben hätte.

Doch es geht um noch mehr. Geht deren Rechnung auf, dürfte die Actelion-Forschungsabteilung, die derzeit noch unter dem Arbeitstitel «R&D Newco» läuft, eine grosse Ausstrahlung entwickeln. Nicht unbedingt bei uns vor der Haustüre, sondern weltweit, in der Lifescience-Forschergemeinde. Und vielleicht wird sie dereinst, zusammen mit dem in unmittelbarer Nähe eröffneten Innovationspark, zu einem neuen Nukleus der Forschung. «Basel wird immer mehr zur Welthauptstadt von Lifescience», sagt der Ökonom und Mitgründer der BAK Economics, Christoph Koellreuter. Zu Roche, Novartis und dem Stücki-Technopark wäre das der vierte Schwerpunkt in und um die Stadt. Weiter Richtung Osten wäre Kaiseraugst (Roche IT) zu nennen, sodann Stein AG mit Novartis und Syngenta.
Forschung im Bereich der Lifesciences, Oberbegriff für Pharma, Pflanzen- und Tiergesundheit sowie Medizinaltechnologie, war aber schon immer mit hohen Risiken verbunden. Viele Projekte enden in einer Sackgasse oder zeigen nicht die erwünschen Wirkungen. So hart es klingt: Das Scheitern gehört in der Forschung zum Alltag.

Der digitale Aufbruch wird die Pharmaindustrie verändern

Doch zu den alltäglichen Herausforderungen wird sich ein anderes gesellen: Wir stehen vor einer grossen technologischen Umwälzung, vor einem weiteren Schub der Digitalisierung in der Industrie. Schon heute stösst «Big Pharma» auf «Big Data», es wird zur Verzahnung kommen. Der sogenannte «digitale Aufbruch» wird die Geschäftsmodelle der Pharmaindustrie stark verändern. Medikamente werden auf die genetische Veranlagung oder den Lifestile zugeschnitten («precise medicine»), was, vereinfacht gesagt, nur dank der Verarbeitung riesiger Datenmengen möglich wird. Die bisher so lukrative Produktion in grossen Mengen dürfte seltener werden. Bei der Entdeckung von Arzneimitteln geht es um besonders grosse und vielfältige Datensätze – darunter klinische und biologische Daten, Biomarker, genetische Informationen und vieles mehr.

Eine der grossen Fragen ist, wie gut die Geschäftsmodelle zusammenpassen: Hier die nicht-patentgeschützte, auf Algorithmen gestützte Datenindustrie, dort die Pharmaindustrie, die vor allem Dank dem Patentschutz riesige Gewinne einfährt. Hier werden unkonventionelle und mutige Lösungen nötig sein.

Die Industrie in der Region durchlief wiederholt grosse Veränderungen. Vor über hundert Jahren basierte sie auf der Entwicklung und Herstellung von Textilfarben. Daraus entwickelte sich die Fein- und Spezialitätenchemie, bis auch diese abwanderte und sich schliesslich die Pharmaspezialitäten entwickelte. Der nächste Schritt wird nicht das Ende der Pharma bedeuten, aber die Forschungs- und Geschäftsmodelle werden sich ändern. Ob diese Änderungen erfolgreich sein werden, hängt davon ab, wie rasch, flexibel und kreativ reagiert wird.

Die Schweiz ist in einer sehr guten Ausgangsposition

Es ist denn auch wahrscheinlich, dass wir in Zukunft weitere Aufspaltungen und Fusionen sehen werden – vielleicht auch mit «Playern» aus der Welt der Googles und Microsofts.

Allzu schlecht sind die Aussichten nicht: Wir sind in der Schweiz in einer vergleichsweise sehr guten Ausgangsposition. Eine der Voraussetzungen ist allerdings, dass die Zuwanderung für Hochqualifizierte nicht blindlings gestoppt wird.

Der «digitale Aufbruch» wird immer mehr auch die Politik, beziehungsweise die Gesetzgebung fordern. Wie muss das Recht im Bereich des geistigen Eigentums umgebaut werden? Reichen unsere Kontrollmechanismen noch? Wo wird der Datenschutz zum Klotz am Bein? Wie sehen die neuen Arbeitsmodelle aus? Wo müssen gezielt staatliche Mittel bereitgestellt werden? Das sind Fragen, die uns in den kommenden Jahren vermehrt beschäftigen werden. Bereits gibt es auch ein Forum für diese Themen, nämlich die «Fondation CH 2048 , Allianz für eine global wettbewerbsfähige und verantwortliche Schweiz» (wir werden darauf zurückkommen).