Man kennt mich nicht mehr an der Flora Buvette stelle ich fest, als der scheue Student bei mir einkassiert. Zum halben Preis essen und trinken – das war einmal. Gutes Trinkgeld ist trotzdem Ehrensache. Schliesslich weiss ich, wie es sich anfühlt hinter diesem Tresen. Was hab ich geschwitzt! Was hab ich Flaschen geschleppt! Jetzt bei Saisonbeginn ist das Arbeiten an der Buvette noch angenehm. Man kann sich auf den Sommer vorbereiten und beim Gläserpolieren reicht es auch mal für ein Schwätzchen.

Der Blick auf die aktuelle Karte verrät: Beim Menü hat sich nicht viel geändert. Auf den Hinweis «Bei Fragen zu Inhaltsstoffen geben wir gerne Auskunft» konnten wir in der Saison 2013 und 2014 allerdings noch verzichten. Kaum jemand fragte mich: Was ist da drin? Das musste ich mich eher selbst fragen. Was Tramezzinis sind, wusste ich nicht und wie man diese lapidar übersetzt «belegten Brote» zubereitet, erst recht nicht. Das merkte auch mein Chef.

Ihm standen die Haare zu Berge, als er mich beobachtete wie ich gemächlich eine Tomate schnitt, sie aufs Brötchen legte und dann das Prozedere wiederholte. «Du muesch zerscht alli Tomate schniede und denn kasch grad alli Brötli belege! Viel effiziänter, heieiei!» Auch sonst war der Chef Anfang Saison streng mit uns und schaute uns genau auf die Finger. Als im Hochsommer die Leute bei uns Schlange standen, war ich ihm aber dankbar. Ich arbeitete nun automatisch. Da interessierten mich komische Blicke und Kommentare nicht mehr.

Wer in Basel aufwuchs, weiss: Diese Stadt ist ein Dorf. Ehemalige Mitstudenten fragten sich: Was macht denn der hier? Schliesslich war ich bereits 31 und sollte wie sie gut bezahlt im klimatisierten Büro arbeiten statt in der Schwitzhütte für einen kleinen Lohn Bier zapfen. Aber den lukrativen Job in Zürich hatte ich damals eben gekündigt. Ich wollte mein eigenes Ding durchziehen und mich als Werbetexter und Journalist selbstständig machen. Geld, um drei Monate zu überleben, hatte ich zur Sicherheit angespart und mir beim vorherigen Arbeitgeber einen Freelancer-Job geangelt. Das reichte aber nicht. Also zurück an die Bar – wie zu Studizeiten.

Nun sitze ich mit meinen Lieblingen – dem Zitronen-Mohn-Kuchen und einem grossen Eistee – am Laptop. So habe ich mir das immer vorgestellt, als ich noch hinter dem Tresen stand und die Leute beim Compüterlen beobachtete. Nach zwei Saisons hatte ich es geschafft. Es blieb keine Zeit mehr für die Buvette, weil ich selbst genug Aufträge hatte. Mein jetziges Büro ist zwar nicht klimatisiert, aber ich bin froh, muss ich nicht mehr in der Schwitzhütte arbeiten. Allerdings bin ich ihr dankbar, dass sie mir den Weg in die Selbstständigkeit ermöglicht hat. Zum Wohl, meine liebe Buvette!