Zum Beispiel Allschwil. Eine Fahrt in Richtung alter Dorfkern zeigt, welche Euphorie in den fünfziger und sechziger Jahren bei den christlichen Kirchen in der Schweiz geherrscht haben muss: Entlang des 6er-Trams reiht sich eine Kirche an die andere. Es sind Mahnmale aus einer Zeit, die sehr, sehr weit zurückzuliegen scheint und die geprägt war durch christliche Zuwanderung in die Schweiz.

Heute präsentiert sich die Situation für die Landeskirchen gerade in städtischen Räumen dramatisch anders: Für immer weniger Gläubige stehen viel zu viele Kirchengebäude zur Verfügung. Zwar scheint sich die Debatte darüber, welchem neuen Zweck einige davon zugeführt werden können, in den vergangenen Jahren entspannt zu haben. Und doch: Wer sagt, es handle sich um «normale» Gebäude, irrt. Eine solche Debatte wird nie nur städtebaulich oder architekturbezogen, also «normal», geführt werden.

Kirchen symbolisieren das Selbstverständnis eines bedeutenden Teils unserer Gesellschaft viel stärker als andere Gebäude. Sie sind letztlich, wie in Allschwil, ein Symbol der kulturellen Dominanz des Christentums. Umnutzungen oder gar Abrisse sind im Umkehrschluss das Eingeständnis dafür, dass sich diese Gesellschaft verändert und in eine andere Richtung bewegt. Das führt zu Verunsicherung. Das Fundament der einst so fest scheinenden Burg wackelt.

Diese delikate Ausgangslage sollte jeder Umnutzungsdebatte zugrunde liegen. Sie sollte uns aber auch nicht daran hindern, nüchtern und sachlich über solche Projekte zu reden. Zunächst beginnt dies bei der Architektur. Es gibt kaum zweckgebundenere Gebäude als Kirchen. Aber auch hier gilt wie sonst in der Baukunst der Grundsatz, dass wirklich gute und durchdachte Architektur nutzungsflexibel ist. Will heissen: Je höher die architektonische Qualität einer Kirche, desto eher lässt sie sich einem anderen Gebrauch zuführen. Genügt eine Kirche in baulicher Hinsicht qualitativ nicht, muss immer auch über einen Abriss nachgedacht werden.

Die viel heiklere und auch emotionalere Frage als die der Hülle ist jene des künftigen «Inhalts». Zunächst stehen natürlich jene Aktivitäten im Vordergrund, denen eine im weitesten Sinn spirituelle Idee zugrunde liegt: Kirchen werden zu Treffpunkten für Formen von Andacht, von Philosophie, von Einkehr und Reflexion. Diese neuen Nutzungen sind weitgehend unbestritten. Im nächsten «Nutzungskreis» liegen kulturelle und soziale Themen: Ob nun Proberäume für Orchester oder Begegnungszentren für die Dorf- oder Quartierbevölkerung: Für kontroverse Diskussionen sorgt auch dies nicht.

Was aber, wenn Kirchen zu Brauereien, zu Musikclubs oder zu Wohnraum umgewandelt werden? In Ländern wie England oder Holland ist das bereits gang und gäbe, in der Schweiz wird man sich vermehrt mit diesen Formen auseinandersetzen müssen. Sie deuten auf neue Bedürfnisse unserer Gesellschaft hin: Auf die Tatsache, dass der Raum zum Leben immer knapper wird (Wohnen) oder sich die westlich geprägte Freizeit-, Konsum- und Vergnügungsgesellschaft immer mehr Raum verschafft und auf Kosten der Religion entsprechend Räume in Anspruch nimmt. Man mag dies verdammen oder zumindest bedauern: Es ist eine Tatsache und es wäre scheinheilig, dies bekämpfen zu wollen.

Der neue Zweck der Kirchengebäude widerspiegelt immer den Zeitgeist und zeigt, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft in diesem Moment der Geschichte bewegt oder bewegt hat. Umgenutzte Kirchen sind also in mehrfacher Hinsicht spannende und für künftige Historiker aussagekräftige Kulturdenkmäler. Und auch für sie gilt: Nichts hält ewig.