Rutschmadame

Zwischen Ruck und Krieg

Rutschmadame: «Grenzgänger? Das war einmal.» (Symbolbild)

Rutschmadame: «Grenzgänger? Das war einmal.» (Symbolbild)

Grenzgänger? Das war einmal. Am Montag waren Basel und das Elsass noch eins, da scherte sich kein Mensch darum, wer warum die Grenze passiert. Der Hundehalter im Spitzwald wusste noch nicht einmal, in welchem Land er sich gerade befindet und auch dem Hund war es wurscht. Das Elsass war Basel mental näher als der Aargau (sorry, Herr Verleger) und jeder, der im Elsass lebt und in Basel arbeitet, konnte dies tun.

Auch ich war bis vor Kurzem Grenzgängerin. Wohnhaft in einer elsässischen Grenzgemeinde passierte ich am Montag noch den Zoll, ohne zu wissen, dass dieser kleine Schritt bereits am Dienstag ein grosser sein würde. Von «Jetzt muss ein Ruck durch unser Land» zu «NOUS SOMMES EN GUERRE!» (sorry -minu, die Grossbuchstaben müssen sein). Von einem Land, in dem die Menschen höflich aufgefordert werden, sich an die Bundesratsvorgaben zu halten, in ein Land, in dem eine Ausgangssperre wie im Krieg gilt. Spazieren im ausländischen Spitzwald? Pustekuchen!

Jetzt gilt: Wenn ich mein Haus verlasse, dann mit gutem Grund. Die guten Gründe sind auf dem Formular aufgeführt, das ich – und mit mir ganz Frankreich – immer auf mir tragen muss, wenn ich aus dem Haus gehe. Es gibt fünf Punkte, dies legal zu tun. Einen muss ich jeweils ankreuzen. Wenn ich in einem «autorisierten Geschäft» Eier kaufen gehe, drucke ich ein Formular aus, versehe es mit Personalien und Datum. Gehe ich eine Stunde später «kurz in der Nähe von zu Hause» mit dem Hund spazieren, rattert der Drucker erneut. Das eine sind Grund-, das andere Haustierbedürfnisse. Noch nie angekreuzt habe ich berufliche, gesundheitliche oder «zwingende familiäre» Gründe. Das wäre für mich als symptomlose, nicht systemrelevante Arbeitskraft komplizierter als für Menschen, die hier leben und arbeiten: Ich müsste nicht nur das Haus verlassen, sondern auch das Land. Beides ist nicht bedenkenlos möglich. Selbst mit Formular in der Tasche fühle ich mich wie ein Verbrecher. Brauche ich die Eier wirklich? Kann der Hund nicht in der Stube spazieren? Wieso schaut der einzige Mensch, dem ich begegne, so misstrauisch?

Ich hoffe für Euch, dass Euch all das erspart bleibt. Ihr wisst ja, was Ihr zu tun habt – oder eben nicht tun sollt. Gebt Euch einen Ruck!

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