Medien

007-Journalismus in drei Akten

Edward Snowden von Moskau aus während einer Live-Schaltung zu einer Amnesty-International-Veranstatlung im vergangenen Dezember in Paris

Edward Snowden von Moskau aus während einer Live-Schaltung zu einer Amnesty-International-Veranstatlung im vergangenen Dezember in Paris

Was hat Aristoteles mit aktuellem Journalismus zu tun? Die Elemente für ein Drama der Antike helfen, die Moderne besser zu verstehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Es ist ein Medien-Theaterstück in drei Akten, möglicher Titel: «Der 007-Journalismus.»

Was hat Aristoteles mit aktuellem Journalismus zu tun? Ganz einfach: Die Elemente für ein Drama aus der Antike helfen, die Moderne besser zu verstehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Es ist ein Medien-Theaterstück in drei Akten, möglicher Titel «Der 007-Journalismus».

Der Prolog: «Bei Geheimdienst-Geschichten ist die Luft immer dünn» – heisst es unter uns Journalisten. Nirgends wird mehr verschwiegen. Das ist nachvollziehbar, geht es doch meist um die nationale Sicherheit. Gleichzeitig kann genau dieses Argument ein Vorwand sein für Intransparenz, ja Manipulation. In diesem Gebräu von Gerüchten, unsicheren Quellen, Verschwörungstheorien und harten Fakten den Durchblick zu behalten, ist auch für Journalisten schwierig.

Erster Akt: Exposition des dramatischen Konflikts, Einführung der Charaktere

Die «Sunday Times» veröffentlichte vor ein paar Wochen einen Artikel, der einschlug wie eine Bombe. China und Russland hätten die 1,7 Millionen Geheimdienst-Dokumente von Edward Snowden entschlüsselt. Ein Skandal sei dies; mit der Folge, dass Grossbritannien seine Agenten abziehen müsse. Diese Nachricht war ein Scoop, der Traum jedes Journalisten. Tom Harper, der Autor des Artikels, sagte, er habe monatelang recherchiert, diverse Quellen angezapft. Und so wurde diese Meldung auch hierzulande in Radio, Print und Fernsehen breit aufgenommen. «Snowdens Daten in falscher Hand.» «Snowdens Daten gehackt.» Wenn Agenten aufzufliegen drohen, ist die Real-Dramatik zu vergleichen mit einem Mix aus James Bond, Madam Secretary und Le Carré. Der Journalist Tom Harper muss stolz gewesen sein.

Zweiter Akt: die Entwicklung des Konflikts, Protagonist stösst auf Hürden

Snowdens Entourage meldete sich sofort entrüstet zu Wort. Der Journalist Glenn Greenwald, der die Dokumente von Snowden publiziert hatte, zerfetzte den Artikel von Harper in tausend Stücke. Andere prominente Journalisten ebenso. Sie alle wiesen darauf hin, dass die angebliche Enthüllungsgeschichte voller Unstimmigkeiten sei. Warum etwa sei plötzlich von 1,7 Millionen Dokumenten die Rede, wenn doch die USA immer gesagt hätten, niemand wisse, wie viele Dokumente Snowden entwendet habe? Im Raum stand schliesslich die Frage: War Tom Harper auf die britische Regierung reingefallen, die mit solchen vermeintlichen Exklusivinformationen Stimmung gegen Snowden machen und für einen starken Geheimdienst werben möchte? Oder ist das Problem einfach die «dünne Luft», die eine vage Agenten-Geschichte nicht weniger wahr macht?

Dritter Akt: die Auflösung, der dramatische Höhepunkt

Tom Harper gab CNN ein Live-Interview. Das Echo war gross. Warum? Es gibt Stimmen, die sagen, nie zuvor sei ein Journalist schneller vom Enthüller zum Deppen geworden als in jenen Minuten. Das ist zu bösartig, find ich. Aber: Die Demontage war doch bemerkenswert. Auf die Fragen des Moderators: «Was wissen Sie? Wo sind die Beweise?», erlebte das staunende Publikum einen stotternden Journalisten, der auffallend häufig sagte: «Ich weiss es nicht.» Entscheidend war dann dieser Satz: «Wir veröffentlichen nur, was wir derzeit für die offizielle Haltung der britischen Regierung halten.» Frei übersetzt: Die Regierung hat immer recht.

Und jetzt? Ist das nun eine Komödie, die zeigt, dass die Selbstkontrolle der Journalisten funktioniert? Oder ist es eine Tragödie, weil das aggressive Duell der Herren Greenwald/Harper zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit der Medien führt? Wichtiger scheint mir hier die Katharsis. Die gewünschte Wirkung eines Theaterstücks. Indem in der Modellsituation der Bühne negative Gefühle durchlebt werden, soll man sie im richtigen Leben besser bewältigen können. Problematisch ist nur, wenn die Bühne das Leben selber ist. Klar ist, dass kein Journalist gefeit ist vor Fehlern, dass auch mal übers Ziel hinausgeschossen wird. Aber: Wenn sich in dieser jüngsten Snowden-Geschichte schon die Journalisten selber streiten, was heisst das dann für die Medienkonsumenten? Vielleicht ist die Quintessenz ganz einfach in einem gesunden Misstrauen zu finden. Es gilt, Meldungen kritisch zu hinterfragen. An das «Cui Bono» zu denken. Wem könnte es nützen? Nicht einfach telquel alles für bare Münze zu nehmen. In dem Sinne kann ich der Uraufführung des Stücks «007 -Journalismus» doch recht viel Positives abgewinnen. Und Sie?

*Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie hat das Nachrichtenmagazin «10vor10» moderiert und ist jetzt beim Politmagazin «Rundschau».

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