Analyse

Das Dogma schafft Leid

Die katholische Bischofssynode

Die katholische Bischofssynode

In der Kirche soll kein «Primat des Dogmas» herrschen, sondern sie soll Barmherzigkeit übern und nicht verurteilen.

Einige dürften mehr erwartet haben von dieser Bischofssynode über die Familie als ein Stück Text, das eigentlich nichts enthält, was irgendwie etwas Neues enthält. Formulierungen, die sich im besten Fall um das Problem herumdrücken, Wortklaubereienwie «Dieses Differenzieren erlaubt keine Rezepte, sondern erfordert Kriterien» (es geht darum, dass es bei wiederverheirateten Geschiedenen «viele Situationen» gebe), oder die tröstenden Feststellungen «Wir haben immerhin diskutiert» und «Immerhin wurden keine Türen zugeschlagen» (so in der Meinung, dass es noch viel schlimmer hätte werden können) – all das zeigt, dass in dieser katholischen Kirche keine Veränderungen erwünscht sind.

Natürlich gibt es Mitglieder, die sich «reformorientiert» definieren; aber man geht wohl nicht weit fehl in der Annahme, dass sie alles andere wollen als irgendeine klare Stellungnahme. Man will keinen Streit wegen ein paar Homosexuellen oder Geschiedenen, die wieder geheiratet haben.

Und von denen, denen es ohnehin egal ist, wenn sie «in Sünde» leben, spricht man schon gar nicht.

Wenn die «Lehre» zum Dogma wird, wird es immer schwierig

Die «Lehre» soll bleiben, wie sie ist. Dessen ungeachtet soll man aber «nett» zueinander sein. Man darf zwar nicht «scheitern», sagt Papst Franziskus, aber es passiert halt doch hin und wieder. Man «darf» nicht homosexuell veranlagt sein, aber «Wer bin ich, dass ich meinen Nächsten deshalb verurteile?».

Das Christentum ist die Religion der Liebe und Jesus lebte – wenn man denn den Erzählungen über sein Leben überhaupt glauben will – uns etwas in dieser
Beziehung vor. «Ausgrenzen», nur weil jemand etwas anders ist, das geht nicht.

Die Linie, die Papst Franziskus verfolgt, läuft darauf hinaus, dass das Dogma nicht über die Liebe gestellt werden dürfe. In der Kirche soll kein «Primat des Dogmas» herrschen, sondern sie soll Barmherzigkeit üben und nicht verurteilen.

Wobei diese ganzen Fragen zu Sex, Familie und Ehe ja durch diese Kirche selbst so behandelt wurden, dass sie dogmatischen Charakter bekommen haben. Die katholische Kirche eiferte gegen sexuelle Freizügigkeit und befürchtete moralischen Zerfall.

Wenn die Kirche den Leuten nicht mehr sagt, was man darf und was nicht, dann darf man bald alles. Ein Argument ist das nicht. Also pochte die Kirche auf ihre Autorität. Alles, was über die doch recht enge Vorstellung der modernen Kleinfamilie hinausgeht, entspricht nicht «der Lehre».

Dabei geht es doch um die gelebte Alltagspraxis, nicht um so schwierige Fragen wie Trinität und dergleichen. Darüber ereifern mag sich das Kirchenvolk sowieso nicht mehr. Es versteht aber zum grossen Teil auch nicht mehr, warum Sex ausserhalb dessen, was die katholische Kirche für gut befindet, Sünde sein soll. Das darf man aus der Befragung schliessen, die der Papst veranlasst hat.

Wo soll die Kirche sein? «Vorne» oder eher nachvollziehend?

Man mag diesen diffusen Ausgang der Synode beklagen oder gutheissen, er zeigt auch das Dilemma, in dem die katholische Kirche, die ihreglobale Stellung behalten will, steckt.

Die gelebte Alltagspraxis mag überall so sein, wie sie ist. Aber die kirchliche Praxis ist eben doch noch ziemlich verschieden. Die Bischöfe haben diskutiert. Sie sehen sich an vielen Orten immer noch als massgebende Moralinstanzen. Und vertreten dabei in der Regel nicht die Stimme eines aufgeklärten, vernünftigen Gewissens.

Nicht überall sieht man es so locker mit homosexuellen Glaubensgefährten und ihrer Stellung in der Gesellschaft. Soll die Kirche jetzt einen Kulturkampf zugunsten einer Gruppe führen, nur weil in einigen Gebieten toleranter und verständnisvoller (endlich!) mit ihr umgegangen wird? Und was ist mit den Frauen, die an der Synode weder Stimme hatten noch Beachtung fanden? Und was mit der globalen Wirtschaftsordnung, die in den päpstlichen Enzykliken ja auch nicht nachsichtig beurteilt werden? Heikle Fragen.

In unseren Breiten sehen wir es eher so, dass die Kirche endlich «nachziehen» sollte, nicht 

Zustände zementieren, die nicht mehr zeitgemäss sind. Nicht weil man den Zeitläufen jederzeit geschmeidig nachlaufen soll, sondern weil «die Lehre» einfach nicht mit der gelebten Realität übereinstimmt. «Liebe und Barmherzigkeit» sind da nicht nur Floskeln, sondern das Pochen auf das Dogma schafft Leid, das nicht nötig ist.

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