Expo 2015

Sind Weltausstellungen noch zeitgemäss?

Besucher drängen sich vor den Eingängen der Expo in Mailand

Besucher drängen sich vor den Eingängen der Expo in Mailand

Der arme Eiffelturm. Er gehört zweifelsohne zu den berühmtesten Bauwerken der Neuzeit – und er muss in diesen Tagen ständig herhalten.

Denn seit Freitag findet in Mailand wieder mal eine Expo statt, die jüngste Ausgabe dieses seit über 160 Jahren in der Welt umherziehenden Zirkus. Was das miteinander zu tun hat? Der Eiffelturm wurde für die vierte Pariser Ausgabe im fernen Jahr 1889 gebaut. Und gerade deshalb, weil er ein Relikt aus längst vergangenen Tagen ist, soll er nun als Beispiel dafür dienen, dass die Zeit der Weltausstellungen abgelaufen sei.

In der Tat gab es sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr, die architektonischen Würfe, die über Generationen in der kollektiven Erinnerung verharrten (und es weiterhin tun). Am ehesten würde man noch ans Atomium in Brüssel, den Zeitzeugen der atomaren Aufbruchstimmung, denken. Doch auch das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. Ein Grund dafür ist die simple Tatsache, dass nach der Expo 1970 in Osaka zwei Jahrzehnte lang keine Weltausstellung mehr stattfand. In Zeiten von sich stetig steigernder Vernetzung muss man nicht mehr in die weite Welt reisen, um die neusten Errungenschaften in Technik und Wissenschaft zu bestaunen. Man kriegt es ja auch in der warmen Stube mit.

Stararchitekten verliessen das Boot

Doch ist das Konzept Weltausstellung wirklich so abgewetzt, dass es seine Daseinsberechtigung verloren hat? Wir machen die Probe aufs Exempel vor Ort, im riesigen Ausstellungsgelände im Mailänder Vorort Rho-Pero: Schon von weitem wird klar, warum die Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron 2011 das Projekt verliessen. Ihnen schwebte eine Expo vor, die aus lauter gleich grossen und einheitlich aussehenden Länderpavillons bestanden hätte – und somit die Botschaft der Messe ins Zentrum gerückt hätte.

Davon ist die jetzige Expo meilenweit entfernt. Da glitzert es, dort glänzt es und drüben wurde geklotzt. Unter den Architekten der jeweiligen Expo-Pavillons ist ein regelrechter Wettbewerb um das auffälligere Haus ausgebrochen. Im Besonderen gilt das für die Auftritte zahlreicher asiatischer Staaten. Hinter der schönen Fassade bleibt dann aber oftmals herzlich wenig übrig, das man in Erinnerung behalten müsste. Werbevideos, immerfort lächelnde Hostessen, typische Länderspezialitäten – die meisten Staaten präsentieren den Gästen nicht viel mehr als zwei- und dreidimensionale Reiseprospekte.

Was ebenfalls auffällt: Das wirtschaftliche Leistungsvermögen der Staaten widerspiegelt sich deutlich in der Machart der Pavillons. Zahlreiche afrikanische Länder haben gar nicht erst einen erbauen lassen, bei anderen – Sudan etwa – kriegen die Besucher lediglich ein paar hochaufgelöste Fotos an einer kahlen Wand zu sehen.

Ganz anders die Schweiz: Es gibt zur Verköstigung zwar ebenfalls Raclette und Weisswein, und bei der Auswahl der Materialien wurde nicht gespart, aber insgesamt setzt unser Auftritt so stark auf Understatement, dass er an Biederkeit grenzt. Die Idee der Ausstellung, frei übersetzt: «es het, solangs het», überzeugt deutlich mehr als andere, nur hätte man durchaus auch die Verpackung effektvoller gestalten können. Kleider machen Leute, das gilt auch – und erst recht – für einen Expo-Pavillon.

Kein Beitrag zur Hungerproblematik

Die Frage bleibt, ob es eine Weltausstellung braucht, um all dies zu erleben. Den Kritikern liefert das Motto der Ausstellung «Den Planeten ernähren. Energie für das Leben» geradezu eine Steilvorlage, dass man die verbauten Milliarden sinnvoller hätte einsetzen können. Dass die Expo einen substanziellen Beitrag dazu leistet, den immer noch existierenden Hunger auf der Welt zu reduzieren, ist illusorisch.

Wer aber diesen Anspruch nicht hat, soll die – dank hervorragender öV-Anbindung kurze– Reise nach Mailand antreten. So nah an der Schweiz wird länger keine Expo mehr stattfinden. Und sich selbst ein Bild zu machen, ist immer noch die beste Art, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen. Führt das zusätzlich dazu, das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen, ist mehr erreicht, als man von einer Weltausstellung in der heutigen Zeit noch erwarten darf.

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