Diese Woche haben die beiden rentabelsten Grosskonzerne der Schweiz, Novartis und Roche, 20 Milliarden Gewinn ausgewiesen. Im internationalen Vergleich belegen die beiden Firmen Spitzenplätze und erzielen Renditen, von denen die Konkurrenz nur träumen kann. 

Mit jedem Franken Umsatz macht Roche beispielsweise 20 Rappen Gewinn. Und das vergangene Jahr war wegen einigen negativen Sonderfaktoren nicht einmal das beste! Auch Novartis kann sich mit einer Umsatzrendite von 17 Prozent sehen lassen.

Möglich sind derart hohe Margen nur, weil sie laufend mit innovativen Medikamenten auf den Markt kommen. Jedes Jahr laufen aber auch Patente von älteren Präparaten aus, sodass innerhalb kurzer Zeit Milliardenumsätze wegfallen. Diese müssen ersetzt werden. Kurz: die beiden Pharmariesen müssen auf Gedeih und Verderb forschen. Roche gibt dafür neun, Novartis zehn Milliarden pro Jahr aus. So sieht, etwas verkürzt dargestellt, die Mechanik zwischen Rendite, Patentschutz und Innovation aus.

Wir werden uns nach diesen goldenen Jahren zurücksehnen

Vielleicht werden wir uns dereinst nach diesem «golden Age» der Pharmaindustrie zurücksehnen. Denn bei allen Anstrengungen in der Forschung ist nicht garantiert, dass es immer im gleichen Takt weitergeht. Strukturbrüche sind denkbar.

Blicken wir zurück. Vor hundertfünfzig Jahren waren Basel und die Region ein Zentrum der Seidenbandweberei. Diese brauchte Farben. Sie wurden zum Teil in Basel selbst entwickelt und hergestellt – der Grundstein für die Basler Chemie war gelegt. Während Hoffman-La Roche schon früh Wundpulver und Hustensirup produzierte, kamen Novartis-Vorgänger Sandoz, Ciba und Geigy erst später auf den Pharma-Pfad. Heute ist die Bedeutung der chemischen Industrie in der Nordwestschweiz stark gesunken.

Clariant (Feinchemikalien) und Syngenta (Agro) haben hier zwar noch ihren Hauptsitz, aber kaum mehr Produktion. Ciba wurde von Huntsman und BASF übernommen, Tausende von Stellen wurden abgebaut. Was blieb, ist der enorme Konkurrenzdruck, obwohl sie sich auf rentable Spezialbereiche konzentrieren. Wir können davon ausgehen, dass, in Analogie zur Marginalisierung der «Chemischen», auch die Pharmabranche in zehn Jahren vollkommen anders aussieht als heute.

Warum? Die Forschung geht immer mehr in den Mikrobereich. Es werden Moleküle und genetische Strukturen untersucht. Entsprechend dürften künftig Heilmittel hergestellt werden, die individuell auf die Genstruktur des Patienten ausgerichtet sind. Das Zauberwort heisst personalisierte Medizin. Medikamente wirken nicht mehr nach dem Giesskannenprinzip, sondern ganz gezielt. Dadurch erhofft man sich verbesserte Wirkung und weniger Nebenwirkungen, die beispielsweise bei Krebsmitteln sehr stark sind.

Forschung und Entwicklung werden ohne Zweifel zentral bleiben. Aber auch hier ist schon heute ein grosser Wandel zu beobachten. Roche hat sich beispielsweise erst kürzlich an der US-Firma Medicine Foundation beteiligt, die in der medizinischen EDV stark ist. Das junge Gebiet der molekularen Informationen und genomischen Analyse wird eine immer wichtigere Rolle für zukünftige Medikamente und diagnostische Lösungen spielen. Für die Industrie bedeutet die massgeschneiderte Medizin aber, dass die Massenfertigung an Bedeutung verliert. Die Produktion wird ihr Gesicht stark verändern.

Der Wandel wird nicht ohne Blessuren vonstattengehen

Dieser Wandel wird nicht schmerzfrei erfolgen und er ist möglicherweise bereits im Gange. Es ist beispielsweise bemerkenswert, dass Novartis seit Anfang 2014 bis heute rund 5700 Stellen (–4,2 Prozent) abgebaut hat – praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit. Die Zahl der der Vollzeitstellen beträgt heute 130 000, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass diese Zahl immer noch höher ist als die von Ende 2013.

Auch Basel wird nicht verschont. Novartis baut hier derzeit 476 Stellen ab. Bei Syngenta, früher ein Teil von Novartis, ist auch ein Abbau von rund 500 Arbeitsplätzen geplant. Sie erfolgen aber aus Organisations- oder Kostengründen. Und nicht wegen eines Strukturbruchs. Dieser hätte noch ganz andere Dimensionen.