Blick in die Sterne

Jubel, als die Hölle ausbrach

Die Zukunft steht in den Sternen.

Die Zukunft steht in den Sternen.

Warum macht Feuerwerk nicht glücklich? So viele Böller und Raketen auch immer an Silvester bersten, so wenig koloriert oder illuminiert es das Dunkel hinter den kindlich entzückten Augen. Man stelle sich vor: Wir führen uns alles Feuerwerk zu Gemüte, das globale Geknatter, jedes in voller Länge – und alle werden sofort erahnen, wie uns das tief in den Sessel drückt: abgebrannt, trostlos und leer.

Warum erleuchtet Feuerwerk nicht die Seele? Weil wir von einem kraftvollen grösseren Feuerwerk träumen. Insgeheim sogar davon wissen, obschon wir es nie oder selten zu Gesicht bekommen. Ein gigantischer Zauber. Und den veranstaltet nun wirklich der Himmel. Es ist das Feuerwerk der Sterne, Quasare und Planeten. Jede Nacht aufs Neue in diesem fantastischen Theater. Darauf blicken wir hier nochmals zurück, ehe wir Bodenlurche wieder wühlen im ewigen Morast hausgemachter Probleme. Auf die Idee brachte uns ein Geburtstagskind, das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» (70 Jahre).
Es würdigt das alte Jahr jeweils kurz mit einem nachahmenswerten Blick in die Sterne.

Womit beginnen? Mit den Katastrophen, wovon man dem vergangenen Jahr ja genug anlastet? Als habe ein Jahr pflichtschuldigst den Zeitgenossen nicht zu verstören in seiner Life-Work-Balance. Bewährtes fortgesetzt, solide gespart für die dritte Säule – und dann ist die Welt so infam und geht auseinander wie ein fauler Fisch! Ein Bild übrigens (fauler Fisch), das schon Goethe verwendete. So katastrophal kann 2016 also nicht gewesen sein – oder dann tut es das seit 200 Jahren, was erst richtig fies von ihm wäre.

Am Himmel hängen Katastrophen davon ab, ob sie jemand überhaupt wahrnimmt ... nun, das ist ungeschickt ausgedrückt; einer Katastrophe am Himmel sind Betrachter (vermutlich) völlig wurscht. Es gibt da oben Katastrophen, die so gigantisch sind wie zwei Höllen, die in eine verschmelzen. Kosmisch gesehen, bleibt es dennoch ein Pfupf. Darüber aber jubeln hier unten Menschen, lassen Champagnerkorken knallen und betrachten die Katastrophe als Höhepunkt ihres Jahres. Dabei folgt das eine (Korken) nicht unmittelbar dem anderen (der Hölle). Wunderbar ist schon, dass man es überhaupt bemerkt. Wie lange erst nach dem Ereignis – auch das ist wieder eine teuflisch verzwickte Sache.

Fakt sind die Champagnerkorken. Und ein Datum Monate zuvor: der 14. September 2015. Da kollidierten im Universum zwei Schwarze Löcher ... nein, wieder ungeschickt: Die Schwarzen Löcher kollidierten vorher. Aber am 14. September registrierten Messgeräte eines Laser-Interferometer-Observatoriums in den USA so etwas wie Gravitationswellen davon. Und warum knallten die Champagnerkorken nicht sofort, erst im Folgejahr? Weil sich die Forscher lange über die Signale beugen mussten, um sicher zu gehen. Gravitationswellen sind schwach, noch nie wurden sie nachgewiesen. Jetzt aber hatte das Jahr 2016 seine Jahrhundert-Sensation.

Einen erfreulichen Ausgang nahm 2016 auch ein anderes Geduldsspiel am Himmel: Im Tempo einer gemütlichen Spaziergängerin setzte «Rosetta» ihren Metallfuss auf 67P/TschurjumowGerassimenko. Den Namen werden wir uns nicht merken – ein Komet zwischen Jupiter und Mars. «Rosetta» ist eine Blechdose, ausgerüstet mit der bewundernswerten technischen Schlauheit, derer Menschen fähig sind. Nach 720 Millionen Kilometer Flug landete «Rosetta», zwölf Jahre nach ihrem Start, auf der verlorenen AstroKartoffel, wie geplant, und schaltete sich dann selber ab, auch wie geplant. Was «Rosetta» bis dahin zur Erde gefunkt hatte, gibt glücklichen Wissenschaftern noch jahrzehntelang Stoff.

Natürlich holten sich Blechbüchsen auch Beulen draussen. «Schiaparelli» zum Beispiel, das Landeteil einer europäisch-russischen Mission. Mit 300 km/h in den roten Sand des Meridiani Planum zu krachen, ungeplant, überstand die Marssonde nicht. Dafür wurde «Proxima Centauri b» neu gewonnen bzw. entdeckt: ein Planet ohne Land, mit sagenhaftem Meer. Mögliches Leben da, sagen Astrophysiker, könnte leuchten, «farbenprächtige Signale hinterlassen» – wie ausserirdisches Feuerwerk, noch nicht zu erfassen mit herkömmlichem Gerät. Grössere Himmelsaugen aber sind geplant, 2024 soll das gewaltige Teleskop errichtet sein. Bis dahin kann der Mensch seinen Brüdern ja mal etwas «vorausleuchten» – probehalber schon 2017.

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