Ausstellung

91-jähriger Basler Fotograf: «Ich fotografiere das Licht»

Der Basler Fotograf Roger Humbert ist für seine abstrakten Fotogramme bekannt. BelleVue zeigt weitere Arbeiten - darunter auch neuere digitale Experimente.

«Wissen Sie, ich könnte Ihnen so viele Geschichten erzählen», sagt der knapp 91-jährige Roger Humbert im Kleinbasler BelleVue. Er ist schlank, gross gewachsen und sorgfältig gekleidet, das weisse Haar trägt er etwas länger als üblich. In den dunklen, lebhaften Augen wird schnell ein schalkhafter Humor erkennbar.

Der frühere Werbefotograf und Gestalter überreicht einem neben einer Visitenkarte gleich einen mehrseitigen Lebenslauf. Und der Rundgang durch die beiden Ausstellungsräume endet erst nach einer guten Stunde – so manches gibt es vor den Fotos zu erklären.

Konkretes Fotografieren ohne Kamera

Einen Namen als Avantgardekünstler machte sich Humbert anfangs der 1950er-Jahre: Mit seinen sogenannten Foto­grammen gehörte er der Bewegung der konkreten, ungegenständlichen Fotografie an. Der junge Mann mit Basler Mutter und Waadtländer Vater konnte an Ausstellungen im In- und Ausland teilnehmen.

Ähnlich wie in der konkreten Kunst wollte man nichts Reales wiedergeben, sondern eigene Wirklichkeiten schaffen – Farben und Formen, die für sich sprechen. Fotogramme entstehen jeweils ohne Kamera in der Dunkelkammer im Moment der Belichtung; auf das Fotopapier werden allerlei Objekte gelegt, die auf dem Bild weisse Schatten werfen.

Kernstück der Ausstellung ist eines von Humberts Fotogrammen von 1953 – ein Spiel mit flirrenden Schraffuren und Streifen, die wie gemalt wirken. «Ich fotografiere das Licht», ist ein Satz Humberts, der nur vordergründig banal tönt: das Licht als die Voraussetzung für das Sehen. Die damaligen Fotogramme seien vor allem von der Literatur – von Dostojewski bis Beckett –, dem Theater und der Existenzphilosophie inspiriert gewesen, erinnert er sich. Hier hätten er und seine Kollegen das gefunden, was sie in der Fotografie suchten: die Reduktion auf das Wesentliche.

Grundformen und Hell-Dunkel-Kontraste

Erstmals zeigt die Ausstellung in einem kleinen, repräsentativen Überblick, dass der Künstler nicht nur in der Dunkelkammer mit Licht und Schatten experimentierte. Wenig bekannt ist nämlich, dass er immer wieder im Alltag und auf Reisen mit dem Fotoapparat unterwegs war und seine Eindrücke in Bildern festhielt. Knapp zwei Jahre dauerte das Sichten und Auswählen des Materials aus Humberts Archiv, das er mit Kurator Richard Spillmann vornahm.

Zu sehen sind präzis kom­ponierte Aufnahmen aus fast sieben Jahrzehnten, meist in Schwarz-Weiss und mit einem feinen Sinn für das Detail. Sie lassen einen an den früheren Fotopionier denken, der sich für die Grundformen und Hell-­Dunkel-Kontraste in genauen Ausschnitten interessiert: «Ich bin kein Reportagefotograf, sondern suche immer die Komposition», sagt er von sich: «Im Grund bin ich nie von der konkreten Fotografie weg gekommen.» Die Bilder stellen für ihn oft auch persönliche Erinnerungen dar: Kinder, Ortschaften, Passagiere und Nachtaufnahmen mit spärlichem Licht, entstanden auf zahlreichen Reisen durch Europa, Nordafrika, USA und China.

Hier dokumentierte Humbert 1978, zwei Jahre nach Maos Tod, die Ausgrabungen der ­Terrakotta-Krieger bei Xian, daneben aber auch Arbeiter einer Seidenbandfabrik. Ägyptische Pyramiden weisen auf die Daguerreotypien des 19. Jahrhunderts, als diese Bauwerke als Motive in den Blick der ersten Lichtbildner rückten. Und in ­Paris gelang dem Fotografen 1964 eine nahezu mustergültig abstrakte Aufnahme des Allerweltsmotivs Eiffelturm. Um den richtigen Ausschnitt zu finden, habe er mit seiner Rolleiflex ­lange mühselig rücklings am ­Boden herumrutschen müssen, erzählt der Künstler.

Am Eiffelturm-Bild von 1964 lässt sich vielleicht erklären, was Humbert mit dem Ausdruck «Fotografie als technische Intelligenz» im Ausstellungstitel meint. Erstens, sagt er, beruhe das Medium selbst auf einer technischen Erfindung, die das Festhalten von Wirklichkeit im Bild erst möglich macht. Und zweitens bildeten die Errungenschaften der Technik sehr oft auch Gegenstand der Fotografie, so etwa die für ihn faszinierenden Werke der Ingenieurskunst.

Der Konstanzer Kultur­wissenschaftler Bernd Stiegler schreibt zur Ausstellung: «Unsere Welt ist, das zeigen Roger Humberts Aufnahmen, seit Jahrtausenden eine technische.»

Die digitalen Arbeiten der letzten Jahre

Dass sich Humbert noch heute theoretisch mit dem Wesen des Lichts beschäftigt und die Entwicklung der Fototechnik von Nahem verfolgt, zeigen seine Arbeiten der letzten Jahre. Zurzeit macht er Versuche mit digitalen Spektralfotografien: Ein Strahl aus Sonnenlicht wandert durch eine Konvexlinse, durch mehrere durchsichtige Objekte und ein spezielles Prisma, bevor er abgelenkt und in die sicht­baren Farben zerlegt wird. Auch diese Aufnahmen erinnern an die konkreten Fotografien der frühen Jahre.

Eines der ersten Fotos nach dem Eingang der Ausstellung im BelleVue zeigt ein künstliches Glasauge. «Das schaut einen einfach nur an», meint Humbert dazu lakonisch und mit einem hintergründigen Lächeln. Auch hier sind das Sehen, das Licht und die Technik symbolisch ­angesprochen – Themen, mit denen sich der Fotograf noch weiter auseinandersetzen will. Er habe da noch einige Pläne. «Ein abgeschlossenes Lebenswerk sind diese Fotografien noch lange nicht», sagt er bestimmt und begleitet einen höflich zum Ausgang.

«ad rem - Fotografie als technische Intelligenz».
Bellevue – Ort für Fotografie. Bis 1. November.
Geöffnet Sa/So, 12–18 Uhr.
www.bellevue-fotografie.ch

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