Neuer Roman

Aarauer Autor nimmt uns mit in den Krieg gegen Krebs

Die Leser begleiten den krebskranken Protagonisten bei seinen Tramfahrten in die Klinik und begleiten ihn in die Radioonkologie.

Die Leser begleiten den krebskranken Protagonisten bei seinen Tramfahrten in die Klinik und begleiten ihn in die Radioonkologie.

Fast zeitgleich mit seinem 70. Geburtstag feiert Urs Faes die Erscheinung seines Romans «Halt auf Verlangen». Er lässt einen strauchelnden Patienten gegen Prostatakrebs kämpfen – und fordert dabei auch seine Leser heraus, ihre Phantasie zu gebrauchen

Neun Wochen lang muss er täglich mit dem 11er-Tram bis zur Station Balgrist in die dortige Klinik fahren. Beinah Endstation – danach kommen nur noch die beiden Friedhöfe Enzenbühl und Rehalp. Der Protagonist in Urs Faes’ neuem Buch «Halt auf Verlangen» kämpft gegen Prostatakrebs: Ein «Krieg», bei dem er selbst das «Schlachtfeld» ist. Wir als Leser begleiten den Erzähler bei seinen Tramfahrten und gehen mit ihm hinunter in die Radioonkologie zur Bestrahlung – in die «Unterwelt» wie sie der Patient zynisch nennt.

So wie das Tram durch das herbstlich-winterliche Zürich fährt, streifen auch die Gedanken des Erzählers wild durch dessen Erinnerung – an eine Zeit, als es noch Raucherwaggons gab, an vergangene Filmplakate im Fenster des Kinos, an Karussellfahrten mit einer ersten Jugendliebe.

Ehrlich und authentisch zeichnet Faes das Bild eines strauchelnden Krebspatienten, den seine Krankheit erschüttert, der aber nicht aufgegeben hat. Anstatt sich mit Freunden zu treffen, beginnt sich der Protagonist zu isolieren, fragt sich, worüber er mit ihnen reden sollte, wie viel von der Welt draussen ihn noch angeht. Zuweilen zynisch, schwermütig, aber nie selbstmitleidig oder jammernd nimmt er die Fahrten zur Klinik auf sich.

Urs Faes litt selber an Prostatakrebs.

Urs Faes litt selber an Prostatakrebs.

Faes schreibt Atmosphäre herbei, schildert liebevoll die städtische Kulisse, die umgebende Natur. Er besitzt gleichzeitig Mut zur Lücke und lässt dem Leser die Freiheit, diese selbst zu füllen. Der Aarauer Autor erweist sich wie schon in früheren Büchern als verspielter Sprachkünstler, der aus dem Erzählen gewonnene Neubegriffe wie beiläufig in die Geschichte einfliessen lässt. So werden die Krankenschwestern Ana und Zett kurzerhand zu den Frauen Abiszett, und seinen Protagonisten lässt er ins «Alltagsfahrtenjournal», «Wörterwartebuch» und «Anschreibeheft» schreiben.

Erinnerungen füllen Verluste

Das tut der Patient vor allem dann, wenn etwas fehlt: Er füllt die eigenen Verluste mit Erinnerungen, selbst erdachten Welten und Geschichten. So werden Worte die «Krückstöcke» eines Kranken. Häppchenweise erfahren wir mehr über seine Vergangenheit – ein Puzzle, das sich zusammenfügt und ein wirres Innenleben offenbart. Gleichzeitig werden wir angeregt, Vorstellung und Wirklichkeit zu hinterfragen: Wie viel vom Erzählten ist Erinnerung und Traum, wie viel davon Wirklichkeit? Wie autobiografisch ist die Geschichte wirklich?

Spiel mit Realität und Fiktion

Genau diese Frage stellt sich der Erzähler in Bezug auf sein eigenes Schreiben selbst – so wird der Roman zu einem gekonnten Spiel mit Realität und Fiktion. Wir als Leser können uns an nichts anderem mehr festhalten als an den Worten und Sätzen der Geschichte selbst. Damit wird die Frage, was wirklich und was nur im Kopf des Patienten geschehen ist, letztlich überflüssig.

Überflüssig wird auch die Frage, wie viel im Roman auf der Autobiografie des Autors Urs Faes beruht, der selbst mit dieser Krankheit konfrontiert war. 1947 in Aarau geboren, feiert er diesen Montag seinen 70. Geburtstag. Seit zehn Jahren ist der ehemalige Lehrer und studierte Ethnologe als freier Schriftsteller tätig. Seine Werke nehmen Individuen in den Fokus und erzählen ihre persönlichen Dramen: «Sommerwende» (1989), «Und Ruth» (2001) sowie «Liebesarchiv» (2008) thematisieren Kindheiten in der Schweiz im und nach dem Zweiten Weltkrieg, «Sommer in Brandenburg» (2014) erzählt eine jüdische Liebesgeschichte von 1938, in «Paarbildung» (2010) beschäftigt er sich bereits mit dem Thema Krebs – um nur einige seiner Werke zu nennen.

«Halt auf Verlangen» nimmt zahlreiche Figuren und Zitate aus früheren Romanen wieder auf, bildet fast eine Synthese seines Gesamtwerks. So ist das Buch auch eine Geschichte über das Schreiben selbst, das einem Welten eröffnen und Halt geben kann, gleichzeitig aber auch die Gefahr von Einsamkeit birgt. Es sind Reflexionen eines Autors und Annäherungen an sich selbst. Auf erstaunliche Weise begegnen wir uns sogar als Leser selbst verwoben in der Handlung, wenn der Erzähler einen vertieften Leser im Tram beschreibt.

Aargauer Literaturhaus, 22. Februar 2017: Buchpremiere und Lesung von «Halt auf Verlangen», 19.30 Uhr.

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