Eine Gruppe junger Erwachsener, alle um die 20 Jahre alt, sitzt auf einer Mauer. Sie kennen sich von klein auf und kommen seit Jahren an diesen Ort. Hier haben sie allerlei Abenteuer erlebt, Fangis gespielt und sich zum ersten Mal geküsst. Doch sie sind keine Kinder mehr. Sie arbeiten bereits und haben einen strengen Chef oder sie ziehen von zu Hause aus und beginnen ein Studium.

Aber was passiert, wenn man keinen Masterplan für sein Leben hat? Wenn man, wie Agnes, Angst davor hat mit vierzig ein 08/15-Leben zu führen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich die neun jungen Erwachsenen in «Steh Still», das am Mittwoch im Theater Tuchlaube Premiere feierte. Die Schauspieler sind allesamt Laien und Teil des Jugendclubs «Die Freispieler» – eines von insgesamt vier hauseigenen Spielclubs der Tuchlaube, in denen Kinder und junge Erwachsene zwischen 9 und 21 Jahren erste Bühnenerfahrungen sammeln können.

Wer bei Spielclub an einen Ort denkt, an dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer «theäterlen», liegt falsch. «Die jungen Erwachsenen sollen ganz bei sich sein und spielerisch lernen, dass sie ihre Gegenwart gestalten können», so Tuchlaube-Leiter Peter-Jakob Kelting. Über einen Zeitraum von acht Monaten haben die «Freispieler» in enger Zusammenarbeit mit Nina Curcio, Theaterpädagogin und Regisseurin, «Steh Still» erarbeitet. Dabei gehört zum Konzept, dass die Themenwahl und der Text des Stücks massgeblich von den jungen Laienschauspielern mitgestaltet wird.

Werde ich glücklich sein?

Wie am Mittwochabend zu sehen war, hat sich die enge Betreuung und lange Vorbereitungszeit ausgezahlt, denn es fällt es schwer zu glauben, dass die meisten Schauspieler bislang keine Bühnenerfahrung hatten. Als Zuschauer ist man ob der Aufrichtigkeit berührt, mit der die «Freispieler» ihr Inneres auf der Bühne preisgeben. Die Fragen, die sich das eingeschweisste Ensemble stellt, betreffen nicht nur Erwachsene anfangs zwanzig, sondern sind generationenübergreifend: Wo werde ich mich in zehn, zwanzig Jahren befinden? Bin ich am richtigen Ort? Hat sich mein Leben so entwickelt, wie ich es mir erhofft hatte? Lebe ich richtig? Werde ich glücklich sein? Als roter Faden durch das Stück zieht sich der Wegzug von «Er» aus dem Elternhaus in die erste, eigene Wohnung. Während des Umzugs erzählen die jungen Erwachsenen über die Sprache und mit tänzerischen Elementen von ihren Wünschen, von ihren Vorstellungen der eigenen Zukunft und ihren Ängsten.

Agnes (2. v.l.) hadert am meisten mit ihren Zukunftsplänen.

"Steh Still"

Agnes (2. v.l.) hadert am meisten mit ihren Zukunftsplänen.

Ihre Lebenssituation kommt vor allem in einer energiegeladenen Szene sinnbildlich zum Ausdruck: Die Schauspieler rennen über mehrere Minuten an Ort und Stelle und preschen wiederholt vor und zurück. Das Wettrennen gegen die Zeit und gegen die eigenen Zukunftserwartungen mutiert so zu einem Konkurrenzkampf untereinander. Während einer nach dem anderen schnaubend aufhört, bleibt Agnes bald alleine übrig und rennt weiter, immer weiter, in einem verbissenen Kampf gegen sich selbst.

Bezeichnenderweise hadert Agnes am meisten mit ihrer Zukunft. Zum Glück stehen ihr die acht Jugendfreunde beiseite. Freunde wie Anouk, die Agnes hilft, sich von den Ängsten loszusagen, oder der unbeschwerte Alex, der sich ein Supernovagefühl im Bauch wünscht. Letzterer pflichtet Agnes bei, dass man nicht immer einem bis ins Detail ausgefeilten Zukunftsplan folgen muss: «Ich ha kein Plan, würkli überhaupt keine. Das isch au befreiend.»