Literatur
Alles perfekt in der sauberen, leisen, aufgeräumten Schweiz? «Von wegen!» sagt eine Mutter in diesem neuen Roman

Kyra Wilder verknüpft in ihrem Roman um eine Expat-Frau eigene Erfahrungen und Schweizer Eigenheiten. Sie zeigt, wie schnell eine glückliche Mutter in den Wahnsinn abgleiten kann.

Valeria Heintges
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Kyra Wilder zog mit ihrer Familie aus den USA in die Schweiz, wo sie bis heute lebt.

Kyra Wilder zog mit ihrer Familie aus den USA in die Schweiz, wo sie bis heute lebt.

Robin Farquhar-Thomson

Es hätte so schön sein können. Der tolle Job für den Mann. Die schöne Stadt am See. Das Geld. Und natürlich die beiden wunderbaren Kinder. Na ja, gut, die Wohnung ist ein bisschen klein und dunkel. Und um in Genf ­Kontakte zu knüpfen, müsste die Amerikanerin Französisch lernen. An­sonsten ist alles perfekt. Sauber, leise, aufgeräumt.

Wir sind eine glückliche Familie an einem wunderschönen Ort.

Das ist das Diktum. Diese Hürde will genommen werden. Wie ein ­Mantra kehrt er wieder, dieser Satz. Was bedeutet er? Machen Mutterglück, Geld, Sauberkeit und eine schöne ­Umgebung etwa nicht automatisch glücklich?

Frust und Aggression drehen sich immer mehr gegen sie selbst

Nein. Im Gegenteil. Es geht alles schief. Denn das Leben, das die namenlose Icherzählerin in Kyra Wilders «Das brennende Haus» beschreibt, ist von den ersten Zeilen an kaum zum Aushalten. Die junge Mutter ist mit dem Baby und der Vierjährigen allein, der Mann auf Arbeit. Die Zeit wird endlos. Sie lässt die Jalousien herunter und schottet sich ab.

Die Wohnung wird zur Muschel. «Wie das Innere einer Auster, zart und sicher verborgen mit uns darin. Alles war kühl und sauber und neu», heisst es in der Übersetzung von Eva Kemper, der es hervorragend gelingt, die Doppel­deutigkeit in allen Dingen und Worten ins Deutsche zu übertragen. Denn eine Perle mag wunderschön sein, aber sie ist auch Zeichen der Verletzung, des Abwehrkampfes gegen Eindringlinge.

Die Ehefrau gibt sich Mühe, versucht, sich übermenschlich zu strecken, um den Ansprüchen zu genügen. Sie putzt, säubert, kocht. Trägt tagtäglich ihre Siebensachen auf den nahe gelegenen Spielplatz: Kinder, Decke, Essen, Spielzeug. Fantasievoll denkt sie sich Abenteuer für die Kinder aus. Derweil wächst die Distanz zwischen den Eheleuten.

M reiste unentwegt und schüttelte Hände, und mit jedem weiteren Handschlag wurde er mehr zu dem Menschen, zu dem er sich entwickelte.

Er geht fremd. Die Ehefrau funktioniert weiter, kauft ein, wird immer einsamer. Die Spiele für die Kinder mutieren zu Ausreden, um die Wohnung nicht mehr verlassen, den Müll nicht mehr hinaustragen, die Fenster nicht mehr öffnen zu müssen. Der Frust und die Aggression drehen sich immer mehr gegen das eigene Selbst.

Aber auch auf das ist kein Verlass, denn die Realität entgleitet ihr. Aus der Einkaufstasche fallen Berge unbenutzter, frischbedruckter Fahrscheine. Jemand drückt den Inhalt all der Parfümfläschchen und Crèmetübchen ins Waschbecken und schmiert mit Lippenstift herum. Wer war das? Die Erzählerin weiss von nichts. Und was sind das für Flecken auf den Körpern der Kinder?

Eine zweite Stimme schleicht sich in das Erzählen. Eine Frau spricht aus der psychiatrischen Klinik; sie wehrt sich gegen ihre Behandlung, schimpft gegen Mitpatientinnen. Die Frau macht sich klein, entschuldigt sich ständig, wird gedemütigt. Auch sie bleibt weit unter ihren Möglichkeiten.

Vom bösen Ende darf sich der Leser des englischen Originals überraschen lassen, der deutschsprachige Leser bekommt es im Titel um die Ohren gehauen.

Kyra Wilder: Das brennende Haus Roman S. Fischer 256 Seiten

Kyra Wilder: Das brennende Haus Roman S. Fischer 256 Seiten

zvg

Die Spannung bleibt, denn Wilders Erzählstil schwebt gekonnt zwischen Erwartung und Wahrheit, zwischen Mutterglück und Wahrheit. Sie schreibt nicht über konservative Frauen, die sich nicht trauen, ihr Leben zu leben. Vielmehr nutzt sie, selbst Amerikanerin, die nach Genf zog – und dort auch noch immer lebt – zwei reale Ausgangspunkte fürs Erzählen.

Zum einen ist in der Schweiz der ­soziale Druck auf Ausländer hoch, sich zu integrieren, den Traditionen und Gepflogenheiten anzupassen. Zum ­anderen hatte Wilder selbst «a hard time», weil ihr Neugeborenes ein Jahr lang an Koliken litt, wie sie in einem Interview mit ihrem ameri­kanischen Verlag berichtet. «Ich glaube, jede andere, deren Baby ein Jahr lang Koliken hat, würde dasselbe Buch schreiben.»

Es ist niemand da, der sie auffangen könnte

Der soziale Druck und die Krankheit des Kindes, die sie immer mehr vereinnahmt, sind die zwei Stellschrauben, an denen Wilder dreht, unbarmherzig. Bald kippt das Leben einer normalen, modernen Mutter in das Grauen, in den Wahnsinn ab.

Das läuft dem Klischee der Expat-Community, die sich nicht integriert und unter sich bleibt, deutlich entgegen. Denn dieser Frau fehlt jegliche Community. Es ist niemand da, der sie auffangen könnte, niemand aus der alten, niemand aus der neuen Heimat. Übrig bleibt nur die Erinnerung an vergangene Tage mit viel Liebe und deutlich weniger Geld. Übrig bleiben Einsamkeit und die Angst, nicht zu genügen, weder den fremden noch den eigenen Ansprüchen. «Wir sind eine glückliche Familie an einem schönen Ort»? Von wegen.

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