Tom Kummer

«Als gäbe es eine Ausgangssperre»: Dieser Autor erlebte den Ausnahmezustand schon vor der Coronakrise

Tom Kummer lebt wieder in seiner Heimatstadt Bern.

Tom Kummer lebt wieder in seiner Heimatstadt Bern.

Der legendäre Interview-Fälscher Tom Kummer steckt in seinem neuen Roman immer noch in der Trauer um seine verstorbene Frau fest. «Von schlechten Eltern» ist ein originelles Roadmovie durch die nächtliche, surreal-gespenstische Schweiz und eine Vater-Sohn-Geschichte. Fast gibt es eine Erlösung.

Wenn die Hauptfigur in einem Roman gleich heisst wie der Autor, sollte man als Leser auf der Hut sein: Entweder will einer uns zu Voyeuren seiner Entblössung machen, was uns dann etwas peinlich sein kann. Oder er treibt mit uns ein Verwirrspiel. Beim Berner Tom Kummer ist man von vornherein zwangsläufig skeptisch. Denn Furore gemacht hat er als Interview-Fälscher aus Hollywood. Erst hoch gehandelt, dann tief gefallen. Das ist zwar zwanzig Jahre her. Trotzdem fürchtet man ständig, einen Betrüger für dessen Stil zu bewundern, den er leider auch bei seinem Vorgängerroman «Nina und Tom» teilweise von grossen Autoren geklaut hat.

Nun wieder ein autofiktionaler Roman. Also noch ein Egobuch? Nochmals Tom Kummer schreibt Tom Kummers Leben? Das wäre dann doch kaum der Rede wert. Man sollte sich bei seinem neuen Roman aber von diesen Vorbehalten befreien. Und wer ihn vergangenes Jahr beim Bachmannpreis das erste Kapitel lesen hörte, weiss: Dieser Mann verströmt einen rauchig-melancholischen Sog. Die Jury war beeindruckt, aber im Urteil gespalten: Die Schweiz als Geisterland statt als Gefängnis sei originell, das Pathos des Retroromans Geschmackssache, das Motiv von Eros und Thanatos (also von Liebe und Tod magisch angezogen) eindringlich und gegenwärtig umgesetzt, die Balance von Zulässigem und Unzulässigem gelungen. Einen Preis gewann er dann aber nicht.

Seine verstorbene Frau ist sein Nachtgespenst

Geradezu prophetisch beginnt sein Roman: «01.30. Landstrasse, Fahrtrichtung Osten. Kein Gegenverkehr. Tote Dörfer, als gäbe es eine Ausgangssperre. Ich streichle das Lenkrad.» Der dystopische Einschlag im Blick des Erzählers hat nichts zu tun mit Corona, aber viel damit, dass er die Aussenwelt als Vision wahrnimmt und symbolisch als Spiegelbild seiner Seele.

In «Von schlechten Eltern» wohnt der Ich-Erzähler Tom Kummer nach seiner Rückkehr aus Los Angeles zusammen mit seinem zwölfjährigen Sohn Vince wieder in Bern. Der andere Sohn, Frank, 18 Jahre alt, geht in Los Angeles aufs College. Tom Kummers an Krebs verstorbene Frau Nina erscheint Tom als nächtliches Gespenst. Ihre fast dreissig Jahre dauernde, heftige Beziehung hat er in «Nina und Tom» (2017) bis zum bitteren Ende beschrieben. Was heisst beschrieben – es war eine ruppige Hymne auf eine wilde Liebe.

Ihm bleiben im neuen Roman nur noch seine beiden Söhne und die nächtlichen Fahrten als Limousinenchauffeur durch die Ödnis einer verwahrlosten Schweiz. Er chauffiert zwielichtige Fahrgäste, mit denen er lange Gespräche über Tod und Erinnerung führt. Immer dabei: wach haltende Tabletten, das Familienfoto auf dem Armaturenbrett und Nina als Gespenst, die ihn würgt, ihren Arm um seine Schultern legt, auf der Windschutzscheibe erscheint, einen Knoten in sein Herz stickt, ihn ins Totenreich ziehen will. «Im Tageslicht schafft sie es nicht auf meine Windschutzscheibe», denkt Kummer und fährt deshalb nur nachts.

Das surreale Zwielicht ist die Stärke des Romans

Die spannende Ambivalenz seiner Trauer meisselt der Autor Tom Kummer in prägnante, manchmal forcierte Metaphern. Etwa so: «Meine Tränen brennen wie Stichflammen.» Man liest aber auch tolle Bilder: «Ich sitze während der ganzen Fahrt auf dem Grund eines Bergsees.» Oder in Zürich beobachtet er: «Die Mittelstreifen leuchten hier bedrohlich.»

Wenn er Blödsinn schreibt, etwa von Rauchsäulen aus Kühltürmen eines AKW, oder notiert, dass in der TV-Serie «Planet Erde» Eisbären Pinguine jagen, dann weiss man nicht so recht, ob der Autor Kummer schludrig war oder der Erzähler Kummer vernebelt ist. Das surreale Zwielicht jedoch ist die grosse Stärke dieses Romans. Was der Erzähler auf seinen nächtlichen Taxifahrten quer durch die ganze Schweiz zu sehen glaubt, ist Spiegelbild seiner inneren Zerrüttung. Tote Rinder, umher irrende Obdachlose, Frauen als Nina-Doppelgängerinnen und Sirenen in der Nacht. «Das Land zerfällt», heisst es mal im Roman. Dass der Roman gleichzeitig ein kaltes Bild einer abgestorbenen, seelenlosen Schweiz zeichnet, ergibt eine interessante Doppeldeutigkeit. Nicht zufällig erscheint das Tessin dann als Sehnsuchtsort.

Man mag einwenden, dass der Autor angesichts des traumatisierten Erzählers etwas gar routiniert Dramaturgie und Rhythmus einsetzt. Der Novellenstrang der Erzählung gipfelt in der Ankunft des älteren Sohns, den Kummer sehnsüchtig erwartet. Rhythmisch wechselt der Roman geschickt zwischen dem Nachtgespenst und der taghellen Vaterfürsorge für den jüngeren Sohn, mit dem er Basketball spielt und den er auch mal in die Schule begleitet.

Wenn Kummer sich nach der Nachtschicht zu seinem Sohn Vince ins Bett legt, dessen nackte Brust streichelt und den zarten Hals küsst, mag man in der intimen Geste einen Hauch Pädophilie vermuten. Es ist aber anders: existenzieller, trauriger. Der Geruch des Sohnes erinnert Tom an seine verstorbene Frau. Überhaupt bringt Kummer immer wieder den Sinn zum Flimmern: «Nur der Wahnsinn könne mir Erleuchtung bringen», habe Nina zu ihm gesagt. «Wenn ich die tote Nina verliere, dann verliere ich alles», denkt der Erzähler einmal. Viel Pathos, aber falsch ist das hier wohl nicht. Am Ende steuert er in Richtung Erlösung – und entwischt mit einem Hakenschlag dem Kitsch.

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Autor

Hansruedi Kugler

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