Der Schauspieler Robert Hunger-Bühler liebt den Sport. Ganz besonders den Fussball. Einmal hat er im Camp Nou ein Spiel des FC Barcelona gegen Real Madrid beobachtet und immer nur auf Lionel Messi geschaut. Wie er schlafwandlerisch herumgeht, scheinbar unbeteiligt, und dann plötzlich den Schalter umlegt und seine Bewacher überrascht. Messi, sagt Hunger-Bühler, sei der perfekte Schauspieler, weil er seine physische Präsenz blitzschnell ein- und ausschalten könne, um im entscheidenden Moment da zu sein.

Natürlich schildert Hunger-Bühler da sich selbst. bz-Kulturredaktor Mathias Balzer beschreibt ihn denn auch als einen «passionierten Verschwinder». Und Barbara Frey, Intendantin am Schauspielhaus Zürich, erzählt, sie habe es in ihrer gemeinsamen Arbeit nie erlebt, dass er einfach so, locker und sorglos einen Bühnenraum betreten hätte. «Für ihn ist die Bühne wie das Spielfeld: Es kann immer etwas passieren, man muss auf der Hut sein. Das ermöglicht ihm seine Musikalität, seine Beweglichkeit und seine Fantasie.» Gegen die Zumutungen des Lebens setze Hunger-Bühler als ein Nachfahre von Buster Keaton ein regloses Gesicht, fügt Klaus Dermutz hinzu, der sich gut auskennt in dessen Wiener Jahren. «Als würde er sich und uns sagen, die Katastrophen mögen an die Figuren heranbranden, an seinem stoischen Antlitz werden die Wellen sich brechen und ihre Wucht verlieren.» Er sei «ein Meister der Malaise».

Mit der Spritzkanne in der Hand

Drei Stimmen von vielen aus einem Buch, das eine facettenreiche Annäherung an einen aussergewöhnlichen Schauspieler bringt – und auch viel erzählt von der Faszination namens Theater. Da sind Erinnerungen von Wegbegleitern und Beobachtern. Da sind Gespräche, die er mit seinem Bruder über die gemeinsame Kindheit und Jugend, zuerst im Thurgau dann in Aarau, führt. Da sind vor allem aussergewöhnlich viele eindrucksvolle Bilder, die belegen, in wie viele Häute dieser Mann schon geschlüpft ist – auf der Bühne, im Film, im Fernsehen. Dazu Gedichte und Texte von ihm selber.

Sein Start als Schauspieler habe beim Zirkus Dumm in Aarau begonnen, erzählt er da etwa. In der Mitte der Manege des Kinderzirkus, «ich war zirka acht», und im Sägemehlring. «Ihn hatte ich als Pausenclown von links nach rechts in rasendem Tempo zu durchqueren mit einer Spritzkanne in der linken Hand voll kalten Wassers. Ich hatte verzweifelt ‹Es brönnt, es brönnt!› zu schreien und in der Mitte, genau in der Mitte, zu stürzen, die Giesskanne über mir auszuschütten.» An der Premiere belohnt ihn donnernder Applaus für seine Leistung, und ein Käsebrot, das die Mutter in seine erste Garderobe bringt.

Er hat Feuer gefangen. So geht er denn zwar in eine Lehre als Hochbauzeichner, besucht aber im Abendstudium die Schauspielschule in Zürich. 1974, nach der Rekrutenschule, bricht der 21-Jährige nach Wien auf, kommt in einer Wohngemeinschaft aus lauter Linksintellektuellen und Künstlern unter und fügt einen Bindestrich in seinen Namen ein. Jetzt heisst er Hunger-Bühler und nicht mehr Hungerbühler. Und bekommt seine ersten Engagements in jenen Kleintheatern, die in Opposition zur Repräsentativkultur des Burgtheaters stehen. Die Kritik beachtet ihn und streicht schon früh seine Fähigkeit heraus, seine Figuren mit einem Geheimnis auszustatten. Dann nabelt er sich ab, weil ihm die Gegenhaltung zur bürgerlichen Theaterkultur doch wieder als Gefängnis erscheint, und lernt, «mich dem Rausch des Spiels hinzugeben, egal wohin das führt».

Amphytrion an Barren und Reck

Ihn selber führt es nach Bonn, Freiburg und Berlin, und neben dem Theater zum Film. Schliesslich, 2002, mit dem Regisseur Christoph Marthaler ans Schauspielhaus Zürich. Zunächst ist er noch mehr Geheimtipp. Der Durchbruch kommt 1985 mit einer Inszenierung von Kleists «Amphytrion», die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wird. Hunger-Bühler erzählt dem Regisseur Jossi Wieler und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock, er habe einmal seinen Vater, der Schreiner von Beruf war, beim Einsetzen der neuen Fenster des Turnsaals der Bezirksschule Aarau beobachtet. Der Vater, ein exzellenter Turner, habe in der Mittagspause am Barren formvollendet einige Übungen absolviert. Was Wieler auf die Idee bringt, Amphytrion als einen in sich versunkenen Athleten auf die Bühne zu bringen, der sich an Reck und Barren abarbeitet.

Noch eine letzte Geschichte, erzählt Hunger-Bühler. Unlängst sei er im Schauspielhaus gesessen, ausnahmsweise als Zuschauer, und habe am Schluss applaudiert. Seine Sitznachbarin habe keinen Finger gerührt, und, nachdem er sie angestupst habe, geflüstert, sie klatsche inwendig. «Seither tröste ich mich, wenn der hörbare Applaus in Zürich etwas mager ausfällt, mit einem tosenden unhörbaren.»

Klaus Dermutz (Hg.): «Robert Hunger-Bühler. Den Menschen spielen», Limmat- Verlag, 320 S.