Netflixreise

Amerikanische Filmporträts boomen: So sieht die Geschichte der USA durch Netflix-Optik aus

Ein Vorbild für Millionen: Michelle Obama auf Buchtour.

Ein Vorbild für Millionen: Michelle Obama auf Buchtour.

Wer sich durch die Netflix-Eigenproduktionen schaut, begibt sich auf einen wilden Ritt durch die Vergangenheit eines aufgewühlten Landes.

Amerika, Amerika… Mehr als 36,5 Millionen Arbeitslose hat die Coronakrise bisher gefordert. Mehr als zu Zeiten der Grossen Depression in den 1930er-Jahren. Damals wuchs der grosse Musikproduzent Quincy Jones in South Chicago auf – Michelle Obama in den 1960er-Jahren. Er habe ums Überleben gekämpft, sagt er im sehr persönlichen Porträt «Quincy» und meint das nicht sprichwörtlich. Er erklärt die Narben in seinem Gesicht.

Liebe, Freunde, Gesundheit bezeichnet er als das Wichtigste im Leben. Dem Tod ist der heute 87-Jährige mehrmals von der Schippe gesprungen. Dass das Recht auf Gesundheit in den USA nicht allen gleichermassen zusteht, zeigt sich in dieser Krise gerade wieder mit aller Deutlichkeit. Gesundheit muss man sich leisten können. Corona trifft die schwarze US-Bevölkerung am härtesten.

Wahrscheinlich würde Robert «Bobby» Kennedy heute nach Tennessee reisen, wo säumigen Mietern das Wasser zum Händewaschen abgestellt wird. In «Bobby Kennedy for President» fliegt er als Senator von New York (1965 bis 1968) nach Mississippi, um für die Rechte von schwarzen Kindern mit vor Hunger aufgeblähten Bäuchen einzustehen, in die Appalachen, um sich ein Bild von weissen Familien zu machen, deren Kinder ohne Zukunftsperspektiven dastehen. Und nach Kalifornien, um mexikanische Feldarbeiter bei ihrem Kampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu unterstützen.

«Er galt als junger, revolutionärer, radikaler Mensch, der etwas ändern wollte», sagt sein ehemaliger Assistent. Vietnamkrieg, Bürgerrechte, Armut: Bobby Kennedy hatte den Leuten Hoffnung gegeben.

Fast wie ein Kreuzritter für Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit sei er gewesen, meint Harry Belafonte. Allmählich konnte Kennedy auch das Vertrauen der Bürgerrechtler gewinnen.

Die grandiose Musikerin Nina Simone hat für ihren Aktivismus, der mit dem revolutionären Song «Mississippi Goddam» 1964 so richtig begann, mit ihrer Karriere bezahlt. Sie, der der Traum, klassische Pianistin zu werden, wegen ihrer Hautfarbe verwehrt wurde, hat in ihrem Engagement für das Civil rights movement endlich einen Sinn in ihrem Tun gesehen.

Die offen rassistische Demütigung vor einem New Yorker Jazzklub mit seinem Bild und seinem Namen an der Tür, hat Miles Davis zum noch grösseren Misanthropen gemacht («Birth of the Cool», 2019, jetzt auch auf Netflix). Das war 1950.

Davis war gerade aus Paris zurückgekehrt. Frank Sinatra hingegen scherte sich einen Dreck um Hautfarbe, als er Quincy Jones 1958 für sein Orchester engagierte. Sie wurden beste Buddies, und Sinatra stellte sich gegen die Rassenschranken. Die völlig anderen Erfahrungen in Europa machten die Diskriminierung in der Heimat für die jungen schwarzen Musiker noch unerträglicher. Doch Jones war und blieb Philanthrop – oder vielleicht auch nur Meister im Verdrängen.

Eine Geschichte von Vorbildern und Feindbildern

Hoffnung, das ist es auch, was Michelle Obama weitergeben will. Frauen, afroamerikanischen Frauen, jungen Frauen, die sich nicht zugehörig fühlen, nicht gehört und gesehen werden. Sie sollen selbstbewusst aus dem Schatten heraustreten, der die US-amerikanische Gesellschaft über sie legt. Michelle Obama ist ein Vorbild für Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern, weil sie ihnen in einfachen Worten aus dem Herzen spricht.

Die amerikanische Geschichte ist eine von Vorbildern und Feindbildern, die immer auch beides sein können. Sonnyboy Michael Jordan wird auf einmal zum Spielsüchtigen.

Es wird gar darüber spekuliert, er könnte etwas mit der Ermordung seines Vaters zu tun haben. Um Bill Gates kursiert eine Vielzahl an Verschwörungstheorien, die in der jetzigen Zeit Nahrung bekommen. Den Bob-Dylan-Fans gefällt es nicht, dass ihr Idol auf einmal Rockgitarre spielt.

Aufstieg und Fall sind nahe beieinander. Niemand ist davor gefeit. Nicht der coole schwarze Musiker, nicht der hippe schwarze Sportler, nicht der weisse Computerfreak. Den Aufstieg Donald Trumps zum Immobilienspekulanten dokumentiert «Trump: An American Dream».

«Wir befinden uns unter der paranoiden Kontrolle eines Mit-New-Yorkers, eines Gameshow-Moderators und Immobilienhochstaplers, in dessen ersten Bauten Afroamerikaner/innen Zutrittsverbot hatten», schreibt die New Yorker Schriftstellerin Julia Magnet in «Das Magazin».

«Die Dinge fallen auseinander. Die Mitte hält nicht. Die reine Anarchie wird auf die Welt losgelassen», wird der amerikanische Dichter Yeats zitiert, um die Stimmung nach Bobby Kennedys gewaltsamem Tod zu umschreiben: Er wurde am 6. Juni 1968 ermordet, zwei Monate nach Martin Luther King und fünf Jahre nach seinem Bruder John F. Kennedy. Malcolm X am 21. Februar 1965.

«Es war eher wie eine Schiessbude als wie eine Zivilisation», beschreibt es ein Journalist und Zeitzeuge. Was Malcolm X und Bobby Kennedy vereint, ist, dass bis heute jemand Gerechtigkeit für sie will, an diesen bis heute ungelösten Fällen dran ist – mit Recht lässt sich behaupten, dass Netflix Demokraten-freundlich ist und die Afroamerikaner eine Zielgruppe darstellen.

Es folgten politisch düstere, hoffnungslose Jahre. Was für Zeiten brechen jetzt an? South Chicago ist immer noch ein hartes, von Gangrivalität und Waffengewalt beherrschtes Pflaster. Corona macht die Welt ungerechter, der Unterschied zwischen Arm und Reich grösser – auch im Westen und besonders in den USA. Die Hoffnung wird gerade für viele begraben und der amerikanische Traum zum Albtraum. Amerika, Amerika… Wird die Mitte halten?

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1